Suri Nagamma: Briefe aus dem Ramanashram

31 Aug

Suri Nagamma: Briefe aus dem Ramanashram

Suri Nagamma: Briefe aus dem Ramanashram

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Inhaltsverzeichnis
Der Vater ist dem Sohn untergeordnet
Selbst-Gewahrsein
Vorbereitungen für ein Fest im Skandashram
Im Skandashram
Der Dienst am Selbst ist der Dienst am Guru
Gleichheit mit allen
Weltliche Probleme
Was ist mit Samsara gemeint?
Nimm den Weg, den du gekommen bist
Absichtsloses Bhakti
Mutter Alagammal
Das erste Almosen (Bhiksha)
Woher weißt du, dass du nichts weißt?
Leoparden und Schlangen
So hör doch meine stumme Bitte!
Das Streifenhörnchen
Die Bedeutung der Dinge
Moksha (Befreiung)
Die Verehrung der Kuh
Die beiden Tauben
Die Gepardenjungen
Medikamente, die nicht helfen
Der Geschmack der Hingabe (Bhakti)
Die göttliche Waffe
Die Theta-Gita
Zorn
Das Lied von Avvaiyar
Astrale Pfade – Höhere Welten
Bücher
Krankheit
Glücklich sind jene, die nur ein Lendentuch tragen
Befreiung (Moksha) im Körper
Unsterbliche Lebewesen
Uma
Sein, Bewusstsein und Seligkeit
Was Pradakshina wirklich bedeutet
Mitgefühl mit allen
Das, was ist, ist nur das Eine
Die schwarze Kuh
Die Gestalt des Höchsten Seins
Die Ethik des sozialen Lebens
Was ist der Wagen?
Japa, Tapas und ähnliches
Was bedeutet Samadhi?
Wie kann man alles als sich selbst betrachten?
Der Tod Madhavaswamis
Kleiner als das Kleinste und größer als das Größte
Träume sind Täuschungen
Hingabe ist der wahre Dienst
Der Lehrer ist die Konzentration
Siddhas
Die Früchte der Handlungen werden vom Schöpfer bestimmt
Gleichheit
Jeder wie er will
Das Programm zum Goldenen Jubiläum
Ein unbekannter Devotee
Der eine Buchstabe und das Unvergängliche (Ekam Aksharam)
Zufriedenheit
Die Umrundung des Selbst (Atma Pradaskhina)
Der Dämonengott und das Lichterfest
Das Leben auf dem Berg
Opfer
Spirituelle Übung (Sadhana)
Brahman ist wirklich – die Welt ist eine Illusion
Der Swami ist überall
Bhagavans Handschrift
„Die Quintessenz der spirituellen Unterweisung“ und „Die Vierzig Verse“
Das „Ich“ ist der Geist
Das Goldene Jubiläum
Das Kartikai-Fest
Die Gestalt des Selbst – Atmakaravritti
Andavane
Omkar und Aksharam
Anekdoten über das Leben in der Virupaksha-Höhle
Natur
Wer ist Ramana?
Das „Tamil-Kind“
Jnana Sambandar
Die Göttliche Kraft
Schlaf und der wahre Zustand
Dakshinamurti
Maya (Illusion)
Der Geist des Jnani ist Brahman
Bezeugung von Respekt
Sadhana in der Gegenwart des Guru
Das Herz und das Kronenchakra
Die Entstehung der „Fünf Verse über das Selbst“
Geburt
Das Selbst (Atman)
Der Guru
Keine Verschwendung
Täuschung und Geistesfriede
Mutter Alagammal
Menschliche Anstrengung
Das Oberhaupt eines Maths
Mäßigung von Schlaf, Essen und Bewegung
Keine Unregelmäßigkeit
Grundsätze
Völlige Hingabe
Traumvisionen
Göttliche Visionen
Der weiße Pfau
Was ist der Kopf und was der Fuß?
Selbstmord
Es gibt nur eine einzige Kraft (Shakti)
Prarabdha (Schicksal)
Wenn man einen Löwen im Traum sieht
Intensive Konzentration (Nididhyasana)
Die Bedeutung von Ajapa
Wozu all die Heimlichkeiten?
Die Widmung eines Buches
Von der Hand in den Mund
Die Bedeutung von Upanayanam
Aufgezwungenen Mahlzeiten
Fragen, die auf Halbwissen gründen
Brief: Puja mit Blumen
Verehrung mit Wasser (Abhishekam)
Thirthas und Prasadas
Kein Segensgestus
Eine Geschichte aus dem Vichara Sagaram
Die ewige Welt
Der Blick der Weisheit
Äußeres und inneres Zuhören und Überdenken
Schweigen
Samadhi
Bleibe wo du bist
Nur das eine und alldurchdringende Selbst
Die Manifestation des Selbst
Einfachheit
Geistesfriede ist Befreiung
Der Schläfer im Wagen
Das Allgegenwärtige
Bindungen
Brindavan
Was es bedeutet, ein spiritueller Meister zu sein
Auf Eins gerichtet sein
Das Leben nach der Verwirklichung
Sprachkenntnisse
Der Vierte Zustand (Turiya)
Universelle Brüderlichkeit
Erinnerung und Vergessen
Der Pfad der Selbstergründung
Die heilige Deepam-Flamme
Der arme Mann
Die Größe der Wunschlosigkeit und Nicht-Anhaftung
Die Selbstergründung ist die Hauptsache
Das Selbst kann ohne geistige Aktivität nicht verwirklicht werden
Der Tod Mahatma Gandhis
Gleichheit
Nihilisten und Advaitins
Bhagavans erstes Manuskript
Kailash
Verbeugungen (Namaskara)
Die Herrlichkeit der Natur
Das erste Bad und die erste Rasur
Der Pfad der Liebe
Ungeteilte Aufmerksamkeit
Die Leinwand
Handelnder und Handeln
Ganapati Muni und die Ramana Gita
Konzentration und Wunschlosigkeit
Die Größe des Menschen
Dienst
Mitgefühl
Lakshmis Tod
Lakshmis Begräbnis
Lakshmis Geschichte
Eine arme alte Frau
Die angemessene Belehrung
Tierliebe
Was bedeutet Glück?
Wo ist der Swami?
Astrologie
Das Leben auf dem Berg
Spielen mit den Kindern
Vom Umgang mit Weisen
Bhagavans Füße
Besuch des Oberhaupts des Math in Puri
Das Oberhaupt des Math in Sivaganga
Einweihung
Übersinnliche Wahrnehmungen vom Arunachala
Das große Selbst
Kundalini-Shakti
Das Selbst
Die Seligkeit des Selbst
Mutter
Das Tigerfell

Der Sohn ist dem Vater untergeordnet     Top

nagamma
21. November 1945: Bruder, du hast mich darum gebeten, dir von Zeit zu Zeit von den Geschehnissen bei Bhagavan zu berichten und davon, was er sagt. Aber bin ich dazu in der Lage? Trotzdem will ich es versuchen und am heutigen Tag damit beginnen. Es wird nur mit Bhagavans Gnade gelingen.

Vorgestern war Vollmond und das jährliche Lichtfest Deepotsava [1] wurde feierlich begangen. In der Frühe ist die Prozession mit dem Herrn Arunachaleswara (der Gott des Berges Arunachala) [2] und den Verehrern unter Musikbegleitung aufgebrochen, um den Berg zu umrunden (Giri Pradakshina). Als die Prozession das Ashramtor erreicht hatte, kam Sri Niranjanananda (der Ashram-Verwalter und Sri Ramanas jüngerer Bruder) mit den Devotees des Ashram heraus, opferte Kokosnüsse und Kampfer und erwies Gott die Ehre. Die Prozession hielt an und die Priester schwenkten vor Arunachaleswara die Lichter (Arati).

Bhagavan war gerade auf dem Weg zum Kuhstall. Als er das herrliche Schauspiel sah, setzte er sich in der Nähe des Buchladens hin. Seine Devotees brachten ihm die Arati-Schale (Arati = indische Lichtzeremonie). Er nahm ein wenig von der heiligen Asche (Vibhuti) und zeichnete sie sich auf die Stirn, während er leise, mit von Emotionen erstickter Stimme sagte: „Der Sohn ist dem Vater untergeordnet.“ Sein Gesichtsausdruck bestätigte das alte Sprichwort: „Der Höhepunkt der Hingabe (Bhakti) ist Erkenntnis (Jnana).“ Sri Bhagavan ist der Sohn Shivas. Ganapati Muni sagt von ihm ganz richtig, er sei die Wiedergeburt Skandas (Sohn Shivas) [3]. Es machte uns betroffen, dass Bhagavan uns lehrte, dass sogar der Selbstverwirklichte (Jnani) Gott (Ishwara) untergeordnet ist, da alle Kreaturen Kinder Gottes sind.

Wir können nie übermitteln, wie bedeutungsvoll die Worte der Großen Seelen (Mahatmas) sind. Du hast mich darum gebeten, sie irgendwie aufzuschreiben, aber wie kann ich die erlesene Schönheit seiner Worte wiedergeben? Wie kann ich sie adäquat übermitteln? Ich habe kürzlich in einem Gedicht geschrieben, dass jedes Wort, das er spricht, heilige Schrift ist. Doch warum sollte man nur von seinen Worten berichten? Wenn man ihn versteht, ist selbst sein Blick, seine Art zu gehen, sein Tun und Nicht-Tun, sein Ein- und Ausatmen, dann ist alles an ihm bedeutungsvoll. Kann ich all das verstehen und interpretieren? Mit vollem Vertrauen auf Sri Bhagavans Gnade werde ich dir schreiben, was immer mir in den Sinn kommt, und ihm mit voller Hingabe dienen.

[1] das Licht-Fest (Deepam) im November/Dezember. Auf dem Arunachala wird eine große Flamme entzündet, die Shivas Manifestation als Flammensäule symbolisiert.

[2] der Gott des Berges Arunachala
[3] Skanda ist der Sohn Shivas.


Selbst-Gewahrsein

Top22. November 1945: Gestern kam ein bengalischer Swami im ockerfarbenen Mönchsgewand zum Ashram. Den ganzen Vormittag führte Bhagavan mit ihm ein Gespräch über spirituelle Themen. Ich würde dir gerne Genaueres von diesem Gespräch berichten, aber der Platz in der Halle, der zurzeit für die Frauen reserviert ist, ist weit von Bhagavan entfernt. Zudem saß ich ganz hinten und konnte deshalb nicht alles hören. Eines aber habe ich ganz deutlich vernommen. Bhagavan sagte über sein Todeserlebnis in Madurai: „Im Anblick des Todes war das Selbst-Gewahrsein (Aham Sphurana) völlig offenkundig, obwohl alle Sinne betäubt waren. Dadurch erkannte ich, dass es dieses Bewusstsein ist, das wir „Ich“ nennen, und nicht der Körper. Dieses Selbst-Bewusstsein ist unzerstörbar. Es bezieht sich auf nichts. Es erstrahlt durch sich selbst. Selbst wenn dieser Körper verbrannt wird, wird es davon nicht berührt. Ich begriff an diesem Tag mit völliger Klarheit, dass „Ich“ dies bin.“[4][4] Sri Ramana bezieht sich hier auf sein einschneidendes Todeserlebnis, das er im Alter von 16 Jahren in Madurai hatte und durch das er zum Selbst erwachte, s. Ebert: Ramana Maharshi, S. 15 ff.

Vorbereitungen für ein Fest im Skandashram     Top

25.11.45: Morgen ist der besondere Tag, an dem Bhagavan mit den Devotees zum Skandashram* gehen wird, um dort ein Fest zu feiern. Alle Devotees, die im Ashram und in der Nähe wohnen, Männer und Frauen, sind schon den ganzen Tag über mit Vorbereitungen beschäftigt und machen viel Aufhebens darum. Bhagavan dagegen sitzt wie immer würdevoll, unbekümmert und ruhig auf seinem Platz. Gibt es für ihn irgendetwas, das er zusammenzupacken oder um das er sich kümmern müsste? Ein Wassergefäß, einen Spazierstock, das Lendentuch, das er trägt, und ein Handtuch ist alles, was er besitzt. In dem Augenblick, da er sich entschließt, ist er auch schon zum Aufbruch bereit. „Derjenige, der nur ein Lendentuch trägt, ist in Wahrheit der Reichste von allen“. So hat Shankara diese Weisen beschrieben. Der Ashram, der geregelte Tagesablauf, die Devotees und all die äußeren Dinge sind für ihn lediglich wie ein Schauspiel, das zum Nutzen anderer aufgeführt wird. Aber braucht Bhagavan das alles wirklich? Könnte er nicht fortgehen und in aller Freiheit die sieben Weltmeere überqueren, wenn er wollte? Halte dir in Erinnerung, dass es unser Glück ist, dass er bei uns ist. Ich werde dir morgen von allem berichten.*Von 1899 bis 1916 bewohnte Ramana Maharshi mit einigen wenigen Anhängern die VirupakshaHöhle am Berg Aranuchala. Von 1916 bis 1922 wohnte Ramana mit seinen Anhängern und seiner Mutter im Skandashram, der sich etwas oberhalb der VirupakshaHöhle befand, da die Höhle zu klein geworden war. 1922 wurde seine Mutter krank und verstarb. Um das Grab der Mutter am Fuß des Berges entstand ein neuer Ashram, der Ramanashram, in dem er von da an mit seinen Anhängern lebte.

Im Skandashram     Top

bild2
Bild 2: Sri Ramana in einen Schal gehüllt im Skandashram
26.11.45: Nach dem Veda-Parayana (das Singen der Veden oder anderer religiöser Texte) nahm Bhagavan sein Bad, frühstückte und machte sich in Begleitung von Rangaswami auf den Weg zum Skandashram. Die Devotees folgten in verschiedenen Gruppen, auch Tante Alamelu (die Schwester Bhagavans) und ich. Von Devotees umringt setzte sich Bhagavan in den Schatten der Bäume. Sadhakas (Laienanhänger) und Sannyasins (Mönche) hatten sich versammelt, aber auch Rechtsanwälte und Ärzte, Ingenieure und Künstler, Zeitungsreporter und Dichter, Sänger und viele andere. Sie waren aus Madras, Pondicherry und Villupuram gekommen. Alte und Junge, Männer und Frauen, alle hatten sich ohne Unterschied auf dem Boden vor Bhagavan niedergelassen und hielten ihre Blicke auf ihn gerichtet.

Bruder, wie kann ich dir dieses Bild vermitteln? Der Maharshi ist still und sein ernster Blick, der aus dem Ursprung kommt, dringt überallhin. Sein freundliches Lächeln erstrahlt wie der kühlende Mondschein. Es war wolkiger geworden und ein heftiger Wind blies. Die Devotees gaben Bhagavan einen breiten Schal, in den er sich völlig einhüllte, so dass nur noch sein Gesicht zu sehen war. Er sah nun wie seine Mutter Alagammal aus. Tante Alamelu und ich dachten dasselbe. Es gibt sogar ein Foto davon.

Dann übermittelte Sri Bhagavan seine Lehre durch Schweigen. Bestimmt waren auch einige reine Seelen anwesend, die von all ihren Zweifeln befreit wurden. Mein Geist war allerdings mit der Zubereitung von Pulihodara (Tamarindenreis) und Dadhyodhanam (Joghurt mit Reis),und anderen Gerichten beschäftigt, da es Mittagszeit war. Die Devotees wollten, dass Bhagavan an einem bequemen Platz separat bedient werden sollte. Aber er ließ vor seinem Sofa einen Tisch aufstellen und hielt sein Festmahl inmitten von uns allen.

Nach dem Essen wurde sein Sofa auf die Veranda getragen. Tante Alamelu, ich und einige andere Frauen saßen in einem angrenzenden Raum und sahen Bhagavan durch ein Fenster, das den Blick auf seine Füße freigab. Er begann zu reden, erzählte Geschichten von seinem früheren Leben auf dem Berg, wie seine Mutter zu ihm kam, er berichtete vom Bau des Skandashram, von der Wasser- und Nahrungsversorgung, den Gesetzen der Affenstämme, dem Tanz der Pfauen und von seinem Umgang mit Schlangen und Leoparden. Dann erinnerte er sich an etwas und sagte, indem er seinen strahlenden Blick auf eine Stelle gerichtet hielt: „Hier ist Mutter gestorben. Wir haben sie draußen hingesetzt. In ihrem Gesicht war immer noch kein Anzeichen des Todes erkennbar. Sie sah aus wie jemand, der in tiefem Samadhi versunken ist. Göttliches Licht tanzte auf ihrem Angesicht. Es war genau dort, wo du jetzt sitzt.“

Bevor Mutter hier wohnte, wurde im Ashram nicht gekocht. Sie sorgte dafür, dass die Ashrambewohnern ordentlich zu essen hatten. Das Herdfeuer, das sie entfacht hat, besteht bis heute und füllt die Mägen tausender Devotees.

Es wurden verschiedene Leckerbissen serviert. Nachdem wir uns bedient hatten, machten wir uns auf den Rückweg. Als Bhagavan sah, dass wir uns nach und nach aufmachten, ging auch er in Begleitung seiner Helfer langsam den Berg hinunter und erreichte den Ashram zu seinen Füßen, als die Sonne im Westen hinter dem Berg versank. Dann folgte das Veda-Parayanam.

Als ich heute früh zum Veda-Parayana in den Ashram (Ramanashram) kam, waren alle sehr beschäftigt. Die Küche bot einen einmaligen Anblick. Die einen kochten, die anderen putzten, wieder andere gaben Anweisungen, jeder war mit irgendetwas beschäftigt. Pulihodara (Tamarindenreis) Dadhyodhanam (Joghurt mit Reis), Pongal (süßer Reis), Vadai (eine Art Snacks), Chips, Poories (flache, gebackene Weizenbrote) und Kootu (Nebenspeise aus Gemüse) und noch viele andere Gerichte wurden in Körbe verpackt und den Berg hinaufgeschickt. Der Ashram-Verwalter schien die ganze Nacht kein Auge zugetan zu haben. Er hatte sich um alles gekümmert.


Was ist mit Samsara gemeint?     Top

01.12.45: Es war am Anfang meines Aufenthalts im Ashram. Eines Nachmittags um 3 Uhr fragte ein Mann aus Andhra Pradesh Bhagavan: „Swami, ich wiederhole den Namen Ramas jeweils eine Stunde lang morgens und abends, doch andere Gedanken lenken mich ab. Manchmal sind sie so stark, dass ich mein Japa vergesse. Was soll ich tun?“Bhagavan erwiderte: „Dann nimm das Japa wieder auf.“ Wir lachten. Armer Mann! Betrübt sagte er: „Der Grund für die Störung ist Samsara (die Familie). Deshalb denke ich darüber nach, ob ich dieses Samsara nicht verlassen soll.“ Bhagavan meinte: „Oh, ist das wirklich so? Was bedeutet Samsara tatsächlich? Ist Samsara im eigenen Innern oder außerhalb? Frau, Kinder und andere, ist das Samsara? Was haben sie getan? Finde zuerst heraus, was Samsara wirklich bedeutet. Danach können wir über die Frage nachdenken, sie zu verlassen.“Darauf wusste der Mann nichts zu antworten und schwieg niedergeschlagen.Bhagavan war voller Mitgefühl. Mit einem liebevollen Blick meinte er: “Nehmen wir einmal an, du verlässt deine Frau und deine Kinder. Wenn du hier bleibst, wird dies zu einer anderen Art von Samsara. Nehmen wir an, du entsagst der Welt und wirst ein Sannyasin. Damit entsteht eine andere Art von Samsara in Form von einem Karra (Armreif aus Stahl als Symbol für Furchtlosigkeit) und einem Kamandalu (Wanderstab und Wasserkrug des Sannyasin) und ähnlichem. Wozu soll das gut sein? Samsara bedeutet Samsara des Geistes. Wenn du dieses Samsara verlässt, spielt es keine Rolle, wo du bist. Nichts beunruhigt dich.“

Der arme Mann! Er nahm seinen Mut zusammen und fragte: „Wie kann man das Samsara des Geistes aufgeben?“ Bhagavan antwortete: „Genau darauf kommt es an. Du hast mir erzählt, dass du Japa des Namens von Rama praktizierst. Du sagst, dass du manchmal bemerkst, dass du dein Japa vergessen hast, wenn dich Gedanken überkommen. Versuche dich daran so oft wie möglich zu erinnern und nimm den Namen Ramas immer wieder auf. Die anderen Gedanken werden dann allmählich abnehmen. Für die Praxis der Wiederholung des Namens Gottes gibt es mehrere Stufen. Es ist besser, den Namen nur durch stilles Bewegen der Lippen zu wiederholen, als es laut zu tun. Noch besser ist die geistige Wiederholung und das allerbeste Japa ist die Meditation (Dhyanam).

In Upadesa Saram, Vers 6, heißt es: „Geistige Meditation durch Japa ist besser als die schönsten Hymnen, ob sie nun laut oder leise gesungen werden.“


Nimm den Weg, den du gekommen bist     Top

02.12.45: Bei einer anderen Gelegenheit fragte ein junger Mann aus Andhra Pradesh Bhagavan: „Swami, da ich ein großes Verlangen nach der Befreiung (Moksha) habe und den Weg dorthin unbedingt kennen möchte, habe ich alle möglichen Bücher über Vedanta gelesen. Jedes von ihnen beschreibt den Weg, aber immer anders. Ich habe auch viele Gelehrte besucht, und wenn ich sie danach fragte, empfahl mir jeder einen anderen Weg. Das hat mich verwirrt, und deshalb bin ich zu dir gekommen. Bitte sage mir, welchen Weg ich nehmen soll.“Sri Ramana antwortete ihm mit einem Lächeln: „In Ordnung, dann nimm den Weg, den du gekommen bist!“

Wir amüsierten uns darüber. Der junge Mann wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er wartete, bis Bhagavan die Halle verlassen hatte, und wandte sich dann entmutigt an die anderen: „Ich bin voller Hoffnung einen weiten Weg hierher gekommen und habe weder Kosten noch Unannehmlichkeiten gescheut, weil mein Wunsch, den Weg zu Moksha zu erfahren, so stark ist. Ist es da fair, mir zu sagen, ich solle den Weg zurückgehen, den ich gekommen bin? Ist das etwa nur ein gewaltiger Scherz?“

Darauf erwiderte einer der Anwesenden: „Nein, es ist kein Scherz. Es ist die beste Antwort auf deine Frage. Bhagavan lehrt, dass die Suche „Wer bin ich“ der leichteste Weg zu Moksha ist. Du hast ihn gefragt, welchen Weg du gehen sollst. Seine Antwort: „Nimm den Weg, den du gekommen bist“, bedeutet: Wenn du den Pfad, den das „Ich“ genommen hat, untersuchst und zurückverfolgst, dann wirst du die Befreiung erlangen.“

Die Stimme des Mahatma weist auf die Wahrheit hin, selbst wenn er nur beiläufig etwas sagt. Der junge Mann wunderte sich über diese Interpretation. Man gab ihm das Buch „Wer bin ich?“. Er nahm die Worte Bhagavans als Belehrung (Upadesa) an, verneigte sich vor ihm und ging.

Bhagavan gibt uns seine Lehre entweder auf humorvolle, beiläufige oder tröstliche Weise. Während der ersten Jahre, die ich im Ashram verbrachte, verspürte ich manchmal ein Verlangen, nach Hause zu gehen. Dann ging ich immer zu Bhagavan, wenn gerade keine Leute da waren und sagte zu ihm: „Bhagavan, ich möchte heim, aber ich fürchte mich, wieder in das Familiendurcheinander zurückzufallen.“ Er pflegte dann zu sagen: „Wie können wir in etwas fallen, wenn doch alles kommt und in uns fällt?“

Bei einem anderen Anlass sagte ich: „Swami, ich bin von diesen Bindungen noch nicht frei.“ Bhagavan erwiderte: „Lass kommen was kommt und gehen was geht. Warum sorgst du dich?“


Absichtsloses Bhakti     Top

03.12.45: Im August 1944 kam ein junger Bengalese namens Chinmayananda in den Ashram. Er trug das ockerfarbene Gewand eines Sannyasin, war ein Prediger des Birla-Tempels in Delhi und hatte etliche Länder bereist. Er hatte den Aurobindo Ashram besucht und brachte einen Brief von Dilip Kumar Roy [7] mit. Er mag devotionale Musik und hat eine gute Stimme. Im Gespräch wurde deutlich, dass er ein Anhänger des Bhakti-Kults des Chaitanya [8] ist. Vier oder fünf Mal sang er in der Halle Bhajans (devotionale Lieder) in Sanskrit und Hindi vor.Jemand hatte ihm gesagt, er könne sein Lebensziel (die Befreiung) nicht erreichen, wenn er nicht frei von allen Ablenkungen am selben Ort bleiben würde. Eines Tages kam er zu Bhagavan, um seine Meinung darüber in Erfahrung zu bringen, und stellte eine allgemeine Frage: „Swami, können Sadhakas (spirituell Übende), die umherwandern und Gott zu Ehren Lieder singen, ihr Lebensziel erreichen oder sollten sie am selben Ort bleiben?“ Bhagavan erwiderte: „Es ist gut, wenn man den Geist nur auf eine Sache gerichtet hat, wohin man auch immer wandert. Was nützt es, den Körper an einem Ort festzuhalten, wenn man dem Geist erlaubt umherzuwandern?“ „Ist absichtsloses Bhakti möglich?“, fragte der junge Mann. „Ja, es ist möglich“, antwortete Bhagavan.

Die Hingabe, die Bhagavan für Arunachala hegt, ist ein Beispiel für diese Art von Bhakti. Im 7. Vers von „Arunachala Navamani Mala“ („Halsband aus neun Edelsteinen für Arunachala“), das Bhagavan in Tamil geschrieben hat, heißt es:

„O Arunachala, kaum hast Du Deinen Anspruch auf mich erhoben, waren mein Leib und meine Seele auch schon Dein. Was kann ich noch begehren? Du bist sowohl Verdienst als auch Verlust, o Du mein Leben! Beides kann nicht ohne Dich sein. Tu denn was Du willst, mein Geliebter, aber gewähre mir eines: eine ständig wachsende Liebe für Dich!“ [9]

Was also ist der Zweck dieses Bhakti? Nichts. Bhagavan sagt uns, dass absichtsloses Bhakti, das nicht zwischen dem Verehrer und dem Verehrten unterscheidet und vollkommen ist, dasselbe ist wie Jnana (Erkenntnis) und sich nicht davon unterscheidet.

[7] bengalischer Musiker und Sänger von religiösen Liedern, Anhänger Aurobindos
[8] bengalischer Mystiker aus dem 15./16. Jh.
[9] The Necklet of Nine Gems in: Collected Works, S. 96


Leoparden und Schlangen     Top

01.01.46: Am nächsten Tag erfuhr ich von einem weiteren Ereignis aus Bhagavans Leben auf dem Berg und schreibe dir davon. Als Bhagavan in der Virupaksha-Höhle lebte, war das Brüllen eines Leoparden von der nahe gelegenen Wasserstelle zu hören. Die verschreckten Devotees rafften Bleche und Trommeln zusammen, um damit Lärm zu machen und den Leoparden zu verscheuchen. Aber als der Leopard seinen Durst gestillt hatte, brüllte er erneut und ging wieder. Bhagavan sah die verängstigten Devotees an und tadelte sie: „Warum habt ihr solche Angst? Die Leopardin hat mir mit ihrem ersten Brüllen ihr Kommen angekündigt und als sie ihren Durst gestillt hatte, hat sie durch ein weiteres Brüllen angekündigt, dass sie jetzt geht. Sie ist ihrer Wege gegangen. Sie mischt sich nicht in eure Angelegenheiten. Warum also fürchtet ihr euch so sehr? Der Berg ist die Heimat dieser wilden Tiere und wir sind die Gäste. Ist es da recht, wenn ihr sie vertreibt?“ Er fügte noch hinzu, vielleicht um ihnen ihre Angst zu nehmen: „Es leben etliche heilige Lebewesen (Siddha Purushas) auf diesem Berg. Vielleicht nehmen sie verschiedene Gestalten an und kommen, weil sie mich sehen wollen. Ihr seht also, dass es nicht recht von euch ist, sie zu behelligen.“Von da an kam der Leopard regelmäßig zur Tränke. Wenn das Brüllen zu hören war, pflegte Bhagavan zu sagen: „Da bist du also! Die Leopardin kündigt ihr Kommen an“ und dann wiederum: „Sie kündigt ihr Gehen an.“ Auf diese Weise ging er ganz ungezwungen mit allen wilden Tieren um.Ein Devotee fragte Bhagavan, ob es wahr sei, dass er mit Schlangen freundschaftlichen Umgang pflegte, als er auf dem Berg lebte, und eine Schlage ihm über den Körper gekrochen sei, eine andere sein Bein hinauf und so fort. Er antwortete: „Ja, das stimmt. Eine Schlange kam in aller Freundschaft zu mir. Sie wollte mir das Bein hinaufkriechen. Weil mich ihre Berührung kitzelte, zog ich mein Bein zurück. Das ist alles. Diese Schlange kam aus eigenem Antrieb und ging dann wieder.“

So hör doch meine stumme Bitte!    Top

02.01.46: Du musst Jagadaswara Sastri schon mal gesehen haben. Als er hier war, folgte ihm immer sein Hund in die Halle. Es war ein besonders intelligenter Hund. Jedes Mal, wenn Sastri oder seine Frau in die Halle kamen, kam er mit ihnen herein, setzte sich wie ein artiges Kind hin und ging mit ihnen wieder hinaus. Die Leute unternahmen alles Mögliche, um den Hund daran zu hindern, in die Halle zu kommen, aber es nützte nichts.Als das alte Ehepaar für zwei Wochen nach Madras reiste, überließen sie den Hund jemand anderem. Während der ersten vier oder fünf Tage suchte der Hund in der Halle nach ihnen, ging immer wieder um die Halle herum und suchte alle Orte ab, wo sie sonst immer hingingen. Müde und vielleicht auch empört von seinem fruchtlosen Suchen kam er eines Morgens um 10 Uhr zu Bhagavans Sofa und starrte Bhagavan an. Ich saß in der ersten Reihe. Bhagavan las die Zeitung. Krishnaswami und andere versuchten, den Hund mit Drohungen zu vertreiben, aber es war vergebens. Ich bat ihn auch zu gehen, aber er bewegte sich nicht vom Fleck. Bhagavan wurde durch den Tumult aufmerksam und schaute auf. Er beobachtete eine Weile lang den Hund und unsere Aufregung. Dann legte er die Zeitung beiseite, winkte mit der Hand in seine Richtung und sagte, als habe er die stumme Sprache des Hundes verstanden: „Was ist los? Du fragst mich, wo deine Leute hingegangen sind? Ich verstehe. Sie sind in Madras und werden in einer Woche zurück sein. Habe keine Angst, sorge dich nicht und beruhige dich! Ist jetzt alles gut? Dann geh!“

Da verließ der Hund die Halle. Bhagavan sagte zu mir: „Hast du das gesehen? Der Hund hat mich gefragt, wo seine Leute hingegangen sind und wann sie zurückkehren. Sosehr die Leute auch versucht haben, ihn zu vertreiben, er hat sich nicht von der Stelle bewegt, bis ich seine Fragen beantwortet habe.“

Eines Tages hatte die Hausfrau den Hund mit einem Stock geschlagen und ihn einen halben Tag lang in ein Zimmer eingesperrt, weil er etwas angestellt hatte. Als sie ihn wieder herausließ, ging er schnurstracks zu Bhagavan, als wolle er sich gegen sie beschweren, und blieb vier oder fünf Tage im Ashram. Bhagavan sorgte dafür, dass er gefüttert wurde und stellte die Frau zur Rede: „Was hast du dem Hund angetan? Warum ist er so wütend auf dich? Er ist zu mir gekommen und hat sich beschwert. Worüber? Was hast du mit ihm gemacht?“

Sie gab schließlich ihre Schuld zu und brachte ihren Hund mit viel Zureden dazu, wieder mit ihr heimzukommen.


Das Streifenhörnchen     Top

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Bild 4: Das Streifenhörnchen

03.01.46: Weißt du, wie viel Freiheit sich unser Bruder, das Streifenhörnchen, mit Bhagavan herausnahm? Vor zwei oder drei Jahren gab es einen sehr mutwilligen Burschen unter ihnen. Als es eines Tages zur Fütterung zu Bhagavan kam, las Bhagavan gerade, womit sich das Füttern etwas verzögerte. Der Kerl fraß grundsätzlich nichts, wenn nicht Bhagavan selbst es ihm hinhielt. Da biss er ihn unerwartet in den Finger, weil es ihn ärgerte, dass er warten musste. Aber Bhagavan gab ihm immer noch nichts zu fressen. Amüsiert sagte er zu ihm: „Du bist ein freches Geschöpf! Du hast mich in den Finger gebissen! Geh, ich werde dich nicht mehr füttern.“ Für einige Tage fütterte er das Streifenhörnchen nicht mehr.

Aber gab der Bursche Ruhe? Nein. Er bettelte Bhagavan um Vergebung an, indem er hin und her sprang. Bhagavan legte die Nüsse auf den Fenstersims und auf das Sofa und sagte ihm, er möge sich selbst bedienen. Aber er rührte sie nicht einmal an. Bhagavan schien ihn nicht mehr zu beachten. Da kletterte der Kerl sein Bein hinauf, hüpfte auf ihn, kletterte auf seine Schultern und tat alles, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Da sagte Bhagavan zu uns: „Seht euch diesen Burschen an. Er bettelt darum, dass ich ihm vergebe, weil er mich so boshaft in den Finger gebissen hat, und dass ich ihn wieder mit eigener Hand füttere.“
Nach einigen Tagen musste Bhagavan sich schließlich geschlagen geben.

Doch das war noch nicht alles. Das Streifenhörnchen begann mit einigen aus seiner Gruppe auf dem Dach der Halle, genau über Bhagavans Sofa, ein Nest zu bauen. Sie quetschten Fäden, Kokosnussfasern und ähnliches zwischen die Dachbalken. Wenn es windig war, fielen diese Dinge immer herunter. Die Leute ärgerten sich darüber und vertrieben die Streifenhörnchen. Bhagavan war sehr bekümmert, dass es für die Streifenhörnchen nicht genügend Platz gab, um ein Nest zu bauen und dass die Leute sie vertrieben. Wir mussten dann nur sein Gesicht beobachten, um seine tiefe Liebe und Zuneigung für diese Lebewesen zu erkennen.

Als ich Bhagavan erzählte, dass ich dir von den Streifenhörnchen geschrieben habe, meinte er erfreut: „Es gibt noch eine Geschichte über sie. Vor einiger Zeit hatten sie ein Nest neben dem Dachbalken über mir gebaut. Sie hatten Junge und diese hatten wieder Junge. So wurde die Familie sehr groß. Sie spielten auf meinem Sofa, wie es ihnen gefiel. Wenn ich spazieren war, haben sich einige kleine Streifenhörnchen unterm Kissen versteckt, und wenn ich mich nach meiner Rückkehr auf dem Kissen zurücklehnte, wurden sie zerdrückt. Wir konnten es nicht länger ertragen. Deshalb vertrieb Madhava die Streifenhörnchen aus ihrem Nest und vernagelte es mit Holzbrettern. Es gäbe viele Geschichten über sie, wenn man sich die Mühe machen würde, sie aufzuschreiben.“

Die Ethik des sozialen Lebens     Top

11.05.46: Als Bhagavan gestern um 9:45 Uhr von seinem Spaziergang zurückkam, bellte ein Ashramhund einen anderen Hund an und wollte ihn vertreiben. Während die Leute versuchten, den Ashramhund zu beruhigen, meinte Bhagavan leichthin: „Überall ist es dasselbe. Diejenigen, die zuerst da sind, glauben, sie könnten über jene Macht ausüben, die später kommen. Auch der Hund will seine Macht beweisen.“ Dann sah er den Ashramhund an und sagte zu ihm: „Warum bellst du? Verschwinde!“ Der Hund trollte sich, als habe er seine Worte verstanden.Heute früh um 10 Uhr brachten Dr. Anantanarayana Rao und seine Frau Ramabai Mangos aus ihrem Garten. Als sie Bhagavan die Früchte überreichten, erzählten sie ihm: „Die Affen stehlen alle Mangos. Deshalb haben wir die hier schnell gepflückt und hergebracht.“ Bhagavan meinte lächelnd: „Ach, tatsächlich? Die Affen kommen also auch?“ Dann sah er alle Anwesenden an und meinte: „Die Affen nehmen sich eine Frucht nach der anderen, während die Menschen sie alle auf einmal nehmen. Wenn man sie nach dem Grund fragt, antworten sie, es sei ihr gutes Recht. Was die Affen tun ist geringfügiger Diebstahl, aber was die Menschen tun ist regelrechte Plünderung. Ohne zu wissen, was sie selbst tun, verscheuchen sie die Affen.“


Was ist der Wagen?     Top

28.05.46: Swarna und Vidya, die Kinder unseres Bruders, wollten den Adi Annamalai Tempel, den Durgamba Temple und andere Tempel sehen, und so machten wir uns gestern früh auf den Weg, nachdem wir Bhagavans Zustimmung erhalten hatten. Da es bereits Sommer ist, befürchtete ich, dass die Kinder im Alter von 10 und 12 Jahren nicht in der Hitze gehen könnten und mietete einen Ochsenkarren. Als andere Kinder den Karren sahen, kamen sie auch mit uns. Wir fuhren auf dem Pradakshina-Weg um den Berg herum, sahen uns alle interessanten Orte an und kehrten um etwa 11:30 Uhr zurück. Als wir um 3 Uhr in die Halle kamen, fragte mich Bhagavan: „Wann seid ihr zurückgekommen?“ Ich erwiderte: „Um 11.30 Uhr.“ Da fragte er: „Konnten die Kinder gehen?“ Ich erzählte ihm, dass wir auf einem Ochsenkarren den Berg umrundet hatten. Da meinte er scherzhaft: „Ich verstehe. Ihr seid also gefahren. Wer erhält jetzt den religiösen Verdienst: der Wagen, der Ochse oder die Kinder?“ Ich wusste nichts darauf zu antworten. Bhagavan erklärte: „Auch der Körper ist ein Wagen. Also ein weiterer Wagen für diesen Wagen und einen Ochsen, der ihn zieht! Wenn die Leute auf diese Weise den Berg umrunden, sagen sie: „Wir sind um den Berg herumgegangen.“ Immer ist es dasselbe. Die Leute kommen mit dem Zug aus Madras und sagen: „Wir sind gekommen“. Mit dem Körper ist es dasselbe. Der Körper ist ein Wagen für das individuelle Ich. Die Beine übernehmen die Arbeit des Gehens und die Leute sagen: „Ich bin gegangen, ich bin gekommen.“ Doch wohin geht denn das Ich? Das Ich tut nichts, eignet sich aber all diese Handlungen an.“ Dann fragte er: „Sind sie wenigstens ein Stück weit zu Fuß gegangen?“ Ich erwiderte, sie seien zum Gautama Ashram hinaufgegangen und hätten religiöse Lieder gesungen, konnten aber wegen der Hitze nicht weitergehen. Da meinte Bhagavan: „Das ist immerhin etwas. Sie sind zumindest eine kurze Strecke zu Fuß gegangen.“Wie du weißt, ist Vidya ein mutwilliges Kind. Seit ihrer Ankunft hat sie über Bhagavan eine Menge Fragen gestellt, wie etwa: „Geht Großvater Bhagavan nirgendwohin? Warum nicht?“ Da sie mit meinen Antworten nicht zufrieden war, fragte sie ihn selbst, warum er nirgendwo hingehe. Wie du weißt mag Bhagavan sehr, was Kinder sagen. Er sah sie liebevoll an und sagte: „Du möchtest mich zu dir mit nach Hause nehmen? Das ist doch was du denkst, nicht wahr? Das ist sehr schön, aber wenn ich fortgehe, werden auch alle Leute hier mitkommen wollen und unterwegs werden mich recht viele Leute zu sich einladen. Werden sie es akzeptieren, wenn ich sie dann nicht besuche? Nein, das werden sie nicht. Sie werden mich einfach mit sich nehmen. Dort werden sich noch mehr Leute anschließen. Kannst du sie alle mit zu dir nach Hause nehmen? Und nicht nur die Leute. Wenn ich hier weggehe, wird sich der ganze Arunachala auf den Weg machen. Wie kannst du ihn fortbringen? Ich werde in diesem Gefängnis festgehalten. Selbst wenn du mich fortbringst, wird mich jemand auf dem Weg einfangen und mich in ein anderes Gefängnis stecken. Was kann ich machen? Wie kann ich dich besuchen, sag mir? Würden mich all die Leute gehen lassen? Was meinst du?“ Vidya konnte nichts antworten. Von da an sagte er zu den Leuten: „Dieses Kind hat mich zu sich nach Hause eingeladen.“

Gestern erfuhr Bhagavan, dass die beiden Kinder noch am selben Tag nach Hause zurückkehren würden. Als er zu seinem Spaziergang um 9.45 aufbrach und Vidya beim Ashramtors stehen sah, ergriff er ihre Hand und sagte: „Kind! Kannst du auch mich mitnehmen? Schnüre mich fest zusammen, setz mich in einen Wagen und bring mich fort.“

Bevor Vidya ging, brachte sie seine Fotos zu ihm, um sie ihm zu zeigen. Als er die Fotos sah, sagte Bhagavan sagte: „Du bringst mich also fort! Schnüre mich fest zusammen und wirf mich auf den Wagen.“ Alle Anwesenden waren glücklich und Vidya rief übermütig: „Ja, ich nehme Großvater Bhagavan mit!“


Japa, Tapas und ähnliches     Top

03.06.46: Gestern kam ein gläubiger Brahmane. Von seinen Worten und der Japa-Kette (Gebetskette) um seinen Hals war erkennbar, dass er Mantra Japa (Mantrameditation) praktizierte. Er erzählte, er habe schon einmal Bhagavans Darshan gehabt, als dieser noch in der Virupaksha-Höhle lebte. Heute fragte er ihn: „Swami, kann ein beständiges Japa von Panchakshari (Shiva-Mantra) [27] oder Tarakam (Rama-Mantra) [28] einen Menschen von Sünden, wie etwa das Trinken von Alkohol und ähnlichem, freisprechen?“ „Was genau meinst du?“, fragte Bhagavan. Der Brahmane formulierte seine Frage klarer: „Wenn die Leute Ehebruch begehen und stehlen, Alkohol trinken usw., können ihre Sünden durch das Japa dieser Mantren getilgt werden oder werden sie an ihnen haften bleiben?“Bhagavan erwiderte: „Wenn das Gefühl „ich tue Japa“ nicht vorhanden ist, werden die Sünden, die ein Mensch begangen hat, nicht an ihm haften. Wenn das Gefühl „ich tue Japa“ da ist, warum sollte dann die Sünde, die aus schlechten Gewohnheiten kommt, nicht an ihm haften bleiben?“

Der Brahmane frage: „Löscht nicht der Verdienst, den man sich durch gute Taten (wie Japa) erwirbt, die Folgen der Sünden aus?“

Bhagavan erklärte: „So lange das Gefühl, der Täter zu sein, da ist, muss man auch die Folgen seiner Taten erleben, seien sie nun gut oder schlecht. Wie könnte man eine Tat mit einer anderen Tat auslöschen? Wenn das Gefühl, der Täter zu sein, verschwunden ist, beeinträchtigt den Menschen nichts mehr. Solange man das Selbst nicht verwirklicht hat, wird das Gefühl „ich tue“ nicht verschwinden. Doch wozu sollte der Selbstverwirklichte noch Japa üben? Wozu sollte er Tapas üben? Das Leben geht seinem Prarabdha Karma (seinem Handeln im vorherigen Leben) gemäß weiter, aber er wünscht sich nichts mehr. Prarabdha Karma besteht aus drei Kategorien: Ichha (persönliche Wünsche), Anichha (Wunschlosigkeit) und Parechha (den Wünschen anderer zu entsprechen). Für denjenigen, der sein Selbst verwirklicht hat, gibt es kein Ichha-Prarabdha mehr. Die beiden anderen, Anichha und Parechha bleiben bestehen. Was immer er tut, er tut es lediglich für die anderen. Wenn es für ihn Dinge für andere zu tun gibt, tut er sie, aber die Folgen beeinträchtigen ihn nicht. Was immer diese Menschen tun, es geschieht ohne den Gedanken an Verdienst oder Sündenfolgen. Sie tun aber nur, was den allgemeinen Konventionen der Welt entspricht, nichts anderes.“

Obwohl Bhagavan dem Frager erklärte, dass es für den Selbstverwirklichten kein Ichha-Prarabdha, sondern nur noch Anichha- und Parechha-Prarabdha gebe, findet man seine übliche Ansicht über Prarabdha in seinen Ergänzungen zu den „Vierzig Versen“ (Unnathi Nalupadhi). Dort heißt es in Vers 33:

„Der Jnani hat kein vergangenes, kein zukünftiges und kein gegenwärtiges Karma. Wenn man sagt, dass Prarabdha (das gegenwärtige Karma) bleibt, ist das nur die Antwort auf die entsprechende Frage. Genauso wenig wie eine der Frauen, deren gemeinsamer Mann gestorben ist, der Witwenschaft entkommen kann, können die drei Karmas [29] bleiben, wenn der Täter verschwunden ist.“

[27] Shiva-Mantra
[28] Rama-Mantra
[29] drei Karmas: das in der Vergangenheit angesammelte Karma, das Karma, das in der Zukunft abgearbeitet werden muss und das Karma der Gegenwart


Was bedeutet Samadhi?     Top

09.06.46: Bhagavan verbrachte den heutigen Nachmittag vorwiegend damit, sich mit Devotees über verschiedene Dinge zu unterhalten und sie Advaita zu lehren. Ein Neuankömmling, der bemerkte, dass das Gespräch kein Ende nehmen wollte, stand auf und fragte: „Bhagavan, wann gehst du in Samadhi?“ Alle Anwesenden lachten, Bhagavan ebenso. Nach einer Weile sagte er: „Ist das dein Zweifel? Ich werde ihn beseitigen, aber zuerst sage mir, was genau Samadhi bedeutet? Wohin sollen wir gehen? Zu einem Berg oder in eine Höhle oder in den Himmel? Wie sollte Samadhi sein? Sag es mir.“Der arme Mann wusste nichts zu erwidern und setzte sich schweigend hin. Nach einer Weile sagte er: „Es heißt, dass Samadhi erst dann eintreten kann, wenn die körperlichen Aktivitäten und Bewegungen aufhören. Wann also gehst du in dieses Samadhi?“

Bhagavan erwiderte: „Ich verstehe, was du wissen willst. Du denkst: „Dieser Swami spricht immer. Was für ein Jnani ist das bloß? Du glaubst, dass es kein Samadhi ist, solange man nicht mit gekreuzten Beinen und gefalteten Händen in Padmasana-Stellung dasitzt und mit dem Atmen aufhört. Es muss auch eine Höhle in der Nähe sein. Man muss hinein- und hinausgehen. Dann werden die Leute sagen: „Das ist ein großer Swami.“ Jetzt fangen die Leute an, an mir zu zweifeln und sagen: „Was für ein Swami ist das, der immer mit seinen Devotees spricht und seinen geregelten Tagesablauf hat?“ Was kann ich machen? Die Leute, die mich in Gurumurtam (einem kleinen Tempel am Stadtrand von Tiruvannamalai, in dem Ramana zu Anfang seines spirituellen Lebens lebte) besucht haben und später im Skandashram sahen, wie ich mit allen Leuten sprach und mich an den normalen Arbeiten beteiligte, sagten sehr besorgt zu mir: „Swami, Swami, bitte gib uns den Darshan in dem Zustand, in dem du früher warst.“ Sie glaubten, dass ich mich verwöhnen ließ. Was kann ich machen? In der Zeit, als ich in Gurumurtam lebte, musste ich auf jene Weise leben. Jetzt muss ich auf diese Weise leben. Die Dinge geschehen, wie sie geschehen müssen. Aber ihrer Ansicht nach genügt es, wenn man nicht isst und redet. Dann wird man automatisch zu einem heiligen Swami. Das ist der Irrglaube der Leute.“


Hingabe ist der wahre Dienst     Top

bild8
Bild 8: Myrobalams (indische Stachelbeere)
06.08.46. Heute fragte ein Devotee Bhagavan: „Swami, wie war die Geschichte mit den Myrobalams [31], als du auf dem Berg lebtest?“ Bhagavan erzählte uns folgendes: „Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, aß ich jeden Abend eine Myrobalam für die Verdauung. Eines Tages ging uns der Vorrat aus. Da Palaniswami zum Markt wollte, bat ich ihn, Sesha Iyer zu sagen, er möge Myrobalams besorgen. Im nächsten Augenblick kam ein Devotee, der uns ab und zu besuchte. Er blieb eine Weile und ging dann wieder. Wenig später machte sich Palaniswami auf den Weg zum Markt. Unterdessen kam der Devotee zurück und sagte: „Swami, möchtest du Myrobalams?“ Ich sagte: „Gib mir eine oder zwei, wenn du welche hast.“ Er brachte eine große Tüte und stellte sie vor mich hin. Als ich ihn fragte, woher er sie habe, antwortete er: „Swami, nach deinem Darshan fuhr ich in ein Dorf in der Nähe, da ich dort zu tun hatte. Ein anderer Wagen fuhr vor mir her, beladen mit Säcken von Myrobalams. Einer von ihnen hatte ein Loch und diese Myrobalams fielen heraus. Ich habe sie aufgelesen und hergebracht, da ich dachte, man könne sie hier gebrauchen. Bitte nimm sie an, Swami.“ Ich nahm mir ein paar davon und gab ihm den Rest zurück. Solche Dinge haben sich oft ereignet. Viele solche Geschichten sind noch in Erinnerung.

Als Mutter kam und mit dem Kochen begann, sagte sie, es wäre gut, wenn wir einen Schöpflöffel hätten. Ich sagte: „Wir wollen sehen.“ Am nächsten oder übernächsten Tag brachte jemand fünf oder sechs Schöpflöffel. So war es auch mit den Kochutensilien. Mutter sagte, es wäre gut, dieses oder jenes zu haben und ich erwiderte: „Tatsächlich?“ Am selben oder am nächsten Tag erhielten wir zehn Stück anstatt einen. Ich dachte: „Es ist genug! Wer wird sich um das alles kümmern?“ Es gab viele solche Vorfälle.“

„Wie war das mit den Weinbeeren?“, fragte der Devotee. Bhagavan erinnerte sich: „Sie dienten demselben Zweck wie die Myrobalams. Eines Tages waren keine mehr da. Palaniswami fragte, ob er jemanden damit beauftragen könne, welche im Laden zu besorgen. Ich sagte, es eile nicht und er solle sich darüber keine Gedanken machen, sondern abwarten. Kurz darauf kam Gambhiram Seshayyas Bruder mit einem großen Paket. Als ich ihn fragte, was er da bringe, antwortete er: „Weinbeeren.“ „Gerade vorher haben wir davon gesprochen, dass unser Vorrat zu Ende ist. Woher weißt du davon?“, fragte ich ihn. Er erwiderte: „Swami, wie konnte ich das wissen? Als ich mich auf den Weg machte, spürte ich, dass ich nicht mit leeren Händen kommen sollte und ging zum Markt. Da es Sonntag ist, waren alle Läden geschlossen, außer einem. Ich sagte zum Verkäufer: „Ich gehe zu Bhagavan. Was hast du da?“ Er erwiderte, er habe nur Weinbeeren und das nur, weil sie soeben eingetroffen seien.“ Als wir die Zeitpunkte verglichen, stellte sich heraus, dass sie sich deckten.

Das war auch für Ayyaswami [32] eine alltägliche Erfahrung. Wir dachten, es wäre gut, wenn wir einen bestimmter Artikel hätten, und noch in derselben Stunde hatte Ayyaswami das Gefühl, dass er diesen Artikel zu Bhagavan bringen sollte. Wenn wir ihn fragten: „Woher weißt du davon?“, erwiderte er: „Swami, woher kann ich es wissen? Es kam mir lediglich in den Sinn, dass ich es Bhagavan bringen sollte. Das habe ich getan. Das ist alles. Du sagst, du hast zur selben Zeit daran gedacht. Swami allein weiß über diese seltsamen Dinge Bescheid.“ Er hat seinen Geist rein gehalten und was immer wir dachten, hat sich in seinem Geist widergespiegelt.“

[31] Frucht mit einer heilsamen Wirkung für den Magen-Darm-Trakt
[32] Ayyaswami stammte aus Karala und diente im Ashram.


Der Lehrer ist die Konzentration     Top

08.08.46: Gestern früh fragte Yogi Ramiah Bhagavan: „Swami, einige Schüler von Sai Baba verehren ein Bild von ihm und sagen, es sei ihr Guru. Wie kann das sein? Sie können es zwar als Gott verehren, aber welchen Nutzen können sie davon haben?“ Bhagavan erwiderte: „Sie erlangen dadurch Konzentration.“ Der Yogi meinte: „Das ist ja alles schön und gut. Es mag bis zu einem gewissen Grad als eine Konzentrationsübung dienen. Aber braucht man nicht einen Guru für diese Konzentration?“ „Gewiss, aber letztendlich bedeutet Guru lediglich Guri (Konzentration)“, antwortete Bhagavan. Der Yogi fragte: „Wie kann ein lebloses Bild uns zu tiefer Konzentration verhelfen? Wir benötigen einen lebendigen Guru, der sie uns in der Praxis lehren kann. Für Bhagavan ist es vielleicht möglich, die Vollkommenheit ohne einen lebenden Guru zu erlangen, aber ist es auch möglich für Menschen wie mich?“„Das ist wahr. Trotzdem konzentriert sich der Geist zu einem gewissen Grad, wenn er ein lebloses Bild verehrt. Diese Konzentration wird nicht von Dauer sein, solange man sein eigenes Selbst nicht durch Ergründung erkennt. Für diese Ergründung ist die Hilfe eines Gurus nötig. Deshalb sagen die alten Meister, dass die Ergründung nicht mit der Einweihung in die Lehre aufhören darf. Wenn sie es aber dennoch tut, ist die Einweihung trotzdem nicht umsonst. Sie wird früher oder später Früchte tragen. Aber man sollte mit der Einweihung nicht prahlen. Wenn der Geist rein ist, wird sie Früchte bringen. Andernfalls geht sie verloren, wie der Same, der auf unfruchtbaren Ackerboden gesät wurde.

Yogi Ramaiah meinte: „Ich weiß nicht, Swami. Du magst das hundert- oder tausendmal wiederholen. Wenn man sicher sein will, Fortschritte zu machen, braucht man einen lebenden Guru wie dich. Wie können wir einem leblosen Bild den Status eines Gurus geben?“

Bhagavan sagte lächelnd: „Ja, ja“, nickte und schwieg. Bruder, alles was ich sagen kann ist, dass dieses Lächeln und diese Stille voller Weisheit war. Wie könnte ich es beschreiben?


Siddhas    Top

10.08.46: Heute wurde in Bhagavans Gegenwart über Siddhas (übernatürliche Fähigkeiten) [33] gesprochen. Einige Anwesenden erzählten, dass jemand versucht hätte, Siddhis zu erlangen, und es sei ihm gelungen. Nachdem Bhagavan ihnen geduldig zugehört hatte, erwiderte er verärgert: „Ihr sprecht von Siddhas. Ihr sagt, dass sie etwas von irgendwoher erlangen und zu diesem Zweck spirituelle und asketische Übungen machen. Ist es denn nicht ein wirkliches Siddhi und eine Errungenschaft, wenn wir, die wir in Wirklichkeit formlos sind, einen Körper mit Augen, Beinen, Händen, Nase, Ohren und Mund erhalten haben und alles mögliche mit diesem Körper tun können? Wir sind Siddhas. Wir bekommen zu essen und zu trinken, wenn wir wollen. Sind das nicht alles Siddhis? Während wir ständig so viele Siddhis erleben, warum wollt ihr noch weiteren Siddhis? Was brauchen wir noch zusätzlich?“Bhagavan sagte oft: „Sich selbst zu erkennen und fähig zu sein, sich treu zu bleiben, ist ein Siddhi, und nichts anderes. Wenn der Geist in Selbstergründung vertieft ist, wird man früher oder später die Wahrheit erkennen. Das ist das beste Siddhi.“

Vers 35 von den Vierzig Versen (Ulladu Narpadu) bringt das gut zum Ausdruck: „Siddhi bedeutet, das zu kennen und zu verwirklichen, was immer wirklich ist. Andere Siddhis sind reine Traum-Siddhis. Sind sie noch wirklich, wenn man vom Schlaf erwacht? Können jene, die mit der Wahrheit vermählt und von Maya befreit sind, sich von ihnen irreführen lassen?“

[33] Menschen von großer Reinheit und Heiligkeit, die über übernatürliche Fähigkeiten (Siddhis) verfügen.


Die Früchte der Handlungen werden vom Schöpfer bestimmt    Top

11.08.46: Vor etwa zehn Monaten schrieb mir Krishna Bhikshu [34], dass er daran denke, seinen Besitz an seine Brüder zu übergeben, das Sannyasa-Gelübde abzulegen und im Land umherzuwandern, in der Hoffnung, dadurch Geistesfrieden zu finden, und dass er sich frage, was wohl Bhagavan dazu sagen würde. Ich erzählte Bhagavan von seinem Brief. Er meinte zuerst: „Ach, tatsächlich! Hat er sich endgültig dazu entschieden?“, und nach einer Weile: „Alles geschieht nach dem individuellen Karma jedes einzelnen.“Als ich Krishna Bhikshu schrieb, was, Bhagavan gesagt hatte, antwortete er: „(In Upadesa Saram) [35] heißt es, dass die Früchte der Handlungen vom Schöpfer bestimmt werden. Aber was ist aus dem Schöpfer geworden?“ In der Zwischenzeit fragte ein Devotee Bhagavan: „Wer ist der Schöpfer in diesem Vers?“ Bhagavan erwiderte: „Mit dem Schöpfer ist Ishwara (Gott) gemeint. Er ist derjenige, der an jeden die Früchte seiner Taten seinem Karma gemäß verteilt. Er ist Saguna Brahman (Brahman mit Attributen). Das wirkliche Brahman ist aber Nirguna (ohne Attribut) und bewegungslos. Nur Saguna Brahman nennt man Ishwara. Er gibt jedem die Früchte, die seinen Taten entsprechen. Das bedeutet, dass Ishwara lediglich ein Vermittler ist. Er gibt den Lohn der getanen Arbeit. Das ist alles. Ohne diese Macht Ishwaras würde es kein Handeln (Karma) geben. Deshalb heißt es, dass Karma ohne eigene Kraft ist.

Das war die passende Antwort auf Krishna Bhikshus Frage und ich schrieb sie ihm.

[34] der Verfasser der Ramana-Biografie Sri Ramana-Leela

[35] Das folgende Gespräch bezieht sich auf Upadesa Saram, Vers 1: „Die Frucht (des Handelns) erhält man nach dem Beschluss des Herrn des Handelns (des Schöpfers). Ist Handeln das Höchste? Nein! Handeln ist ohne eigene Kraft.“ in: Ramana Maharshi: Die Quintessenz, S. 19


Ein unbekannter Devotee     Top

16.08.46: Unter der eingehenden Post war heute ein Brief in Englisch von einem unbekannten Devotee aus der Tschechoslowakei. Bhagavan erzählte uns berührt davon und ließ ihn vorlesen. Der Hauptinhalt war: „Obwohl ich körperlich weit weg von Arunachala bin, bin ich doch in spiritueller Hinsicht zu Bhagavans Füßen. Ich glaube, es werden am 1. September 50 Jahre, dass der junge Ramana nach Tiruvannamalai gekommen ist. Ich bitte um Erlaubnis, diesen Tag als den wahren Geburtstag von Bhagavan feiern zu dürfen. Ich möchte ihn in dem Bemühen begehen, meinen Geist mit grenzenloser Hingabe, Glaube und Respekt in den Staub von Bhagavans Füßen zu legen und mein Herz bei Bhagavans Stimme verweilen zu lassen.“Wir waren vom Inhalt dieses Briefes begeistert. Bhagavan sagte mit vor Güte strahlendem Gesicht: „Wir kennen ihn nicht. Weder wissen wir seinen Namen noch wo er herstammt. Er war nie hier. Wie hat er in Erfahrung gebracht, dass ich vor 50 Jahren hierher gekommen bin? Er hat einen hingebungsvollen Brief geschrieben. Es sieht so aus, als habe er über mein Leben gelesen und es verstanden. Wo ist die Tschechoslowakei und wo ist Tiruvannamalai? Was können wir dazu sagen, wenn jemand, der mich noch nie gesehen hat, so etwas schreibt?“


Der eine Buchstabe und das Unvergängliche (Ekam Aksharam)   Top

18.08.46. Vor einigen Tagen hatten Besucher aus dem Gujarat (Gujarat ist ein indischer Bundesstaat in Westindien) Ashram-Bücher und Bhagavans Foto gekauft und baten ihn, seinen Namen in die Bücher zu schreiben. „Welchen Namen soll ich hineinschreiben?“, fragte er. „Deinen Name“, erwiderten sie. „Welches ist denn mein Name?“, fragte Bhagavan. Als sie antworteten: „Dein Name ist Ramana Maharshi, oder etwa nicht?“ meinte er lächelnd: „Jemand hat mich so genannt. Aber was bedeutet ein Name oder ein Geburtsort für mich? Ich kann meinen Namen nur hineinschreiben, wenn ich einen habe.“ Die Leute gingen weg, ohne noch etwas zu sagen.Du erinnerst dich, dass du im Januar 1945 das Buch mit deinen Bankgeschäften [38] Bhagavan gesandt und ihn gebeten hast, er möge „OM“ oder „Sri“ hineinschreiben, doch er hatte abgelehnt. Stattdessen gab er mir die telugische Übersetzung eines Verses, den er vor langem in Tamil verfasst hatte, als Somasundaraswami mit einer ähnlichen Bitte zu ihm gekommen war. Ich habe ihn dir geschickt und du hast ihn als seine Upadesa (Belehrung) aufgenommen und dich sehr darüber gefreut. Später hat er den Vers auf die Bitte Muruganars hin ins Sanksrit übersetzt. Er lautet:

„Das eine Unvergängliche (Ekam Aksharam [39]), das beständig im Herzen wohnt, erstrahlt aus sich selbst. Wie könnte man es niederschreiben?“

[Aus den Gesammelten Werken:

„Akshara ist ein einzigartiger Buchstabe. Du willst ernsthaft, dass ich ihn in dieses Buch schreibe. Da dieser einzigartige Buchstabe beständig als das Selbst im Herzen erstrahlt, wer könnte ihn da niederschreiben?“] [40]

Als die Leute aus dem Gujarat heute ihre Bitte vorbrachten und ein „Nein“ ernteten, erinnerte ich mich wieder daran.

Vor etwa zehn Monaten besuchte ein telugischer Gelehrter den Ashram. Als er Bhagavan mit einem Gedicht, das er aus dem Stehgreif verfasst hatte, gepriesen hatte, bat er ihn: „Bitte, gib mir etwas, das mich an das heutige Ereignis erinnert und segne mich.“ „Was soll ich dir geben?“, fragte Bhagavan. „Was immer du magst. Nur ein Buchstabe (Akshara) der Belehrung.“ Bhagavan antwortete: „Wie kann ich dir das geben, was unvergänglich (Akshara) ist?“ und sah mich an. Ich meinte: „Vielleicht ist der Vers „Ekam Aksharam“ hilfreich.“ Der Sastri fragte: „Wie lautet der Vers?“ Ich las ihm den Sanskritvers vor. „Wo ist der telugische Vers?“, fragte Bhagavan. Ich las auch diesen vor. Der Sastri freute sich so sehr, als habe er einen großen Schatz erhalten, und schrieb sich beide Versionen ab. Als ich ihm erzählte, wie die Verse entstanden waren, war er sehr glücklich, verneigte sich vor Bhagavan und ging.

[38] Der Bruder Suri Nagammas arbeitete in einer Bank.
[39] Akshara(m) hat zwei Bedeutungen: etwas, das unvergänglich ist, aber auch: Buchstabe; ekam = ein
[40] Einschub der Übers., aus „Collected Works“, S. 149


Zufriedenheit    Top

19.08.46: Bhagavan gab Rajagopala Iyer den Auftrag, die vier Probedrucke des Tamilwerks Chatvaravimsath, das kürzlich aus der Druckerei gekommen war, als Bücher aufzubinden. Als ich heute Nachmittag um 2.30 Uhr kam, waren die Bücher gerade fertig. Sie mussten nur noch einen Einband erhalten. Bhagavan zeigte den Anwesenden die Bücher und sagte lachend zu Vaikuntavas, der neben ihm stand: „Lass uns sehen, ob wir nicht mit diesen Probedrucken etwas erwirtschaften können. Wir haben jetzt vier zusätzliche Exemplare von diesem Buch. Wie könnten wir sonst dazu kommen? Wer würde sie uns geben? Wir müssten sie im Buchladen kaufen. Woher würden wir das Geld dafür nehmen?“ Wir waren belustigt und Vaikuntavas lachte. Bhagavan erwiderte: „Warum lachst du? Habe ich Arbeit und verdiene monatlich mehrere hundert Rupien? Oder bin ich ein Geschäftsmann und verdiene Tausende? Woher sollte ich das Geld nehmen? Welche Unabhängigkeit habe ich? Wenn ich Durst habe, muss ich um Wasser bitten. Wenn ich stattdessen in die Küche gehe, wird das Küchenpersonal sagen: „Oh, dieser Swami fängt an, uns zu kontrollieren.“ Deshalb muss ich den Mund halten. Welche Unabhängigkeit habe ich schon.“Welche andere Absicht könnte er haben, als einen milden Tadel an alle zu verteilen, wenn er auf diese Weise redet, obwohl er von allem in dieser Welt unabhängig ist? Wir handeln unseren Wünschen entsprechend. Wir bitten um dies und das und werden Sklaven unserer Wünsche. Wir setzen unsere Wünsche durch, indem wir bitten oder befehlen. Bhagavan lehnt in solchen Belangen nicht nur die Ausübung von Autorität ab, sondern auch, etwas zu erbitten.

Es gibt noch einen anderen Vorfall. Als ich vor zwei oder drei Jahren morgens in die Halle kam, erzählte Bhagavan folgendes:

„Als ich in der Virupaksha-Höhle lebte, ging Sundaresa Iyer in die Stadt zum Betteln und brachte uns zu essen. Manchmal hatten wir keinen Curry oder Chutney. Es waren viele Münder zu stopfen, aber wir bekamen nur wenig zu essen. Was sollten wir tun? Ich mischte alles zusammen, goss heißes Wasser darüber und machte einen Brei daraus. Dann gab ich jedem eine Portion davon und nahm auch eine für mich. Manchmal glaubten wir, es wäre gut, wenn wir wenigstens etwas Salz hätten. Aber wo war das Geld, um Salz zu kaufen? Wir hätten jemand darum bitten müssen. Wenn wir einmal damit anfingen, um Salz zu bitten, würden wir auch um Dhal (Linsen) bitten wollen. Wenn wir um Dhal bitten würden, würden wir auch um Payasam (Aprikosen) bitten und so weiter. Deshalb meinten wir, wir sollten um gar nichts bitten und den Brei, so wie er war, hinunterschlucken. Wir waren mit dieser Ernährung äußerst glücklich. Da die Nahrung sattwisch und ohne jegliche Gewürze, ja nicht einmal gesalzen war, war sie nicht nur gesund für den Körper, sondern gab auch dem Geist großen Frieden.“

„Ist Salz nicht auch eines der Dinge, die Rajas (die Leidenschaft) stimuliert?“, fragte ich. „Ja, zweifelsohne. Es steht irgendwo in den Schriften. Warte, ich schau nach“, erwiderte Bhagavan. „Es genügt, wenn Bhagavan es sagt. Wozu brauchen wir noch eine Schrift“, antwortete ich.

Wir lassen das Salz nicht weg, sondern glauben, dass auch Chili für den Geschmack nötig ist. So haben wir unsere Ernährungsgewohnheiten. Große Seelen essen, um zu leben und der Welt zu dienen, während wir leben um zu essen. Das ist der Unterschied. Wenn wir essen um zu leben, brauchen wir nicht an Geschmack zu denken. Wenn wir leben um zu essen, sind die Geschmäcker grenzenlos. Und dafür nehmen wir so viel Mühsal auf uns.

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