Prof. Muhammad Sven Kalisch: Islamische Theologie ohne historischen Muhammad?

18 Jun

Anmerkungen zu den Herausforderungen der kritischen-historischen Methode für das islamische Denken.

In seinem 30-seitigem Aufsatz „Islamische Theologie ohne historischen Muhammad“ schreibt der ehemalige islamische Theologe Prof. Muhammad Sven Kalisch:

Bis vor einiger Zeit war ich fest davon überzeugt, dass es sich bei Muhammad um eine historische Person gehandelt hat. Zwar bin ich immer davon ausgegangen, dass die islamische Überlieferung bezüglich Muhammad sehr unzuverlässig ist, doch hatte ich keine Zweifel daran, dass zumindest die Grundlinien seiner Biographie historische Wahrheiten darstellen. Von dieser Position bin ich nun abgerückt und werde demnächst ein Buch veröffentlichen, indem ich unter anderem auch zu dieser Frage Stellung nehmen und meine Argumente genauer darlegen werde. Dieser Aufsatz stellt nur eine kurze Zusammenfassung meiner wichtigsten Argumente dar und widmet sich darüber hinaus der Frage, welche Implikationen (Schlußfolgerungen bzw. Interpretationen) historisch-kritische Forschung für die islamische Theologie hat und wie ich als Theologe mit meinen Forschungsergebnissen umgehe (auch darauf werde ich in dem Buch ausführlich eingehen).

Was die Frage der Geschichtlichkeit Muhammads angeht, habe ich im Übrigen gar nicht viel Neues anzubieten. Ich halte meine Position eigentlich nur für eine konsequente Schlußfolgerung aus dem bisherigen Wissensstand. Sie erscheint nur deshalb so spektakulär, weil sie von einem Muslim ausgesprochen worden ist. Dass man unter Berücksichtigung der bekannten Fakten zu einer Skepsis bezüglich der Existenz Muhammads gelangen muss, zeigt auch die erst kürzlich erschienene Muhammad-Biographie von Hans Jansen, der die Unglaubwürdigkeit der islamischen Überlieferung deutlich herausarbeitet. In seinem Buch spricht Jansen die Theorie der Leugnung der Geschichtlichkeit (der Existenz) des Propheten Muhammads an und bemerkt dazu folgendes:

„Anders als viele Muslime denken, lehnen aber auch die meisten westlichen Wissenschaftler derartige Hypothesen ab (nämlich die Hypothese, dass Muhammad nicht existiert haben soll), aus Achtung vor dem Islam, aus Angst vor den Reaktionen ihrer muslimischen Freunde oder weil sie es für spekulativen Unsinn halten.“

Sofern ein Wissenschaftler diese These wirklich für Unsinn hält, muss er dies offen sagen und seine wissenschaftlichen Argumente vorbrigen. Dagegen ist überhaupt nicht einzuwenden. Nur durch einen offenen Austausch der Argumente kommt Wissenschaft voran. Die anderen beiden Argumente aber, welche Jansen erwähnt, sind skandalös.

Das Wort „Achtung“ klingt wunderbar, doch ist es hier völlig feht am Platze, denn gemeint ist eigentlich das Gegenteil. Wer den Muslimen die Auseinandersetzung mit Fakten nicht zutraut, der stellt die Muslime auf die Stufe unmündiger Kleinkinder, denen man die Illusion des Weihnachtsmannes oder des Osterhasen nicht nehmen möchte. Wer wirklich vom Gedanken der Gleichheit aller Menschen ausgeht, der muss auch allen Menschen dieselben intellektuellen Leistungen zutrauen. Wirklicher Respekt vor den Muslimen wäre es, davon auszugehen, dass sie die Kraft besitzen, sich auf der Grundlage unseres modernen Wissensstandes mit der Religion auseinanderzusetzen. Die „Islamophoben“ (Islamkritiker) halten uns Muslime für Barbaren, die „Gutmenschen“ für „edle Wilde“. Das Ergebnis unterscheidet sich letztlich nicht. Muslime sind anders als der Rest der Menschen und gehören entweder in den Streichelzoo oder in das Raubtiergehege. Auf jedenfall aber in den Zoo.

Das letzte Argument schließlich ist noch erbärmlicher, denn dafür gibt es nur ein Wort: Feigheit. Der religiöse Fundamentalismus (nicht nur islamischer!) ist auf dem Vormarsch und dagegen gilt es die Freiheit des Denkens unter allen Umständen zu verteidigen. An diesem Punkt darf es keine Kompromisse geben, ansonsten wird die Weiche für den Rückfall ins Mittelalter gestellt und das kann sehr viel schneller gehen, als manche Menschen sich das vorstellen.

Meine Position bezüglich der Geschichtlichkeit Muhammads ist, dass ich weder seine Existenz noch seine Nichtexistenz für beweisbar halte. Ich tendiere zwar zur Nichtexistenz, für beweisbar halte ich sie jedoch nicht. Mein Eindruck ist, dass, sollte es in Zukunft nicht noch archäologische Sensationsfunde, ein islamisches „Qumram“ oder „Nag Hammadi“ geben, die Frage nach der historischen Existenz Mohammads wohl nie abschließend wird geklärt werden können.

Ich vertrete nicht pauschal die Ansichten von Karl-Heinz Ohlig und Volker Popp, halte jedoch ihren methodischen Ansatz für äußerst fruchtbar. Ohlig und Popp plädieren für eine Auswertung der archäologischen und nichtislamischen Zeugnisse zur Entstehung des Frühislam, ohne diese gleich im Lichte der islamischen Geschichtsschreibung zu interpretieren. Die archöologischen und nichtislamischen Zeugnisse werden von ihnen als eigenständige Quellen ernst genommen. Damit machen sie genau das, was seit einigen Jahrzehnten von vielen Forschern in der Bibelarchäologie betrieben wird. Auch dort hat man die archäologische Faktenlage unabhängig gedeutet und als eigenständige Quelle betrachtet.

Die dabei auftretende Unvereinbarkeit von archäologischer Faktenlage und dem Bericht des Alten Testaments führte zur Entstehung des sogenannten „Biblical Minimalism“ (vertreten von Thomas Thompson, Niels Peter Lemche, Philip R. Davis und Keith W. Whitelam), der zwar in der alttestamentlichen Forschung ebenfalls als Extremposition gilt, jedoch weitaus respektvoller behandelt wird, als die Thesen von Ohlig und Popp in der Islamwissenschaft. Die Position des „Biblical Minimalism“ sieht im Alten Testament eine theologische Fiktion mit nur minimaler und letztlich irrelevanter oder ganz ohne historische Grundlage.

Die Zeit der Patriarchen, Moses oder Exodus (der Auszug der Juden aus Ägypten), die Zeit der Richter, David und Solomon, ja selbst das Babylonische Exil werden als Mythen verstanden. Viele Forscher teilen diese Extremposition nicht vollständig, kommen ihr aber ziemlich nahe, wie etwa Israel Finkelstein und Neil Asher Silbermann, deren Buch „Unearthed“ vor einigen Jahren auch in Deutschland diskutiert wurde. Dabei muss man allerdings sehen, dass in der alttestamentlichen Forschung die archöologischen Voraussetzungen besser sind als bezüglich der Erforschung des Frühislam. Die Bibelarchöologie hat einfach aufgrund ihrer längeren Geschichte eine wesentlich größere Dichte an Funden aufzuweisen, während im Islam ja schon darin ein Problem besteht, dass an den interessantesten Plätzen nicht gegraben werden darf.

Dennoch sollte erst einmal festgestellt werden, dass Karl- Heinz Ohlig und Volker Popp es gewagt haben, neue Wege zu gehen. Sie haben mit ihrem methodischen Ansatz neue Theorien zur Entstehung des Frühislam aufgestellt und diese zur Diskussion gestellt. Diese Theorien erscheinen auch mir in vielen Punkten sehr gewagt und spekulativ und werden sich in dieser Form vielleicht nicht halten können. Den Frühislam im wesntlichen aus Münzfunden und Inschriften rekonstruieren zu wollen, erscheint mir höchst problematisch. Diese Methode erscheint mir unter Berücksichtigung des vorhandenen Materials eher dazu geeignet festzustellen, wie es nicht gewesen sein kann, und weniger geeignet, eine Rekonstruktion der tatsächlichen Ereignisse gewährleisten zu können.

Die neuen Theorien schaffen aber ein Bewusstsein für viele offenkundig vorhandene Probleme in der Forschung und werden mit Belegen vorgetragen. Was daran unwissenschaftlich sein soll, erschließt sich mir nicht. Ohlig und Popp haben eine neue Deutung der Geschichte des Frühislam entwickelt uns sie der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorgelegt, damit über diese Theorie diskutiert und geforscht werden kann. Genau so soll Wissenschaft funktionieren. Um bei Problemen voranzukommen, müssen neue Deutungen gefunden werden und man muss das Risiko eingehen, sich zu irren, anstatt aus Furcht vor Zorn und Spott der lieben Kollegen ja nicht aus der Reihe zu tanzen. Die Zukunft wird zeigen, was von den Theorien Ohligs und Popps Bestand haben wird und was verworfen werden muss.

Ich glaube, dass von ihrem Ansatz auf jeden Fall Bestand haben wird, dass das Vertrauen in die islamische Geschichtsschreibung weiter geschwächt worden ist. Auch wenn man den Schlussfolgerungen von Ohlig und Popp in den Einzelheiten skeptisch gegenüber steht, wird man nicht darum herumkommen, die von ihnen aufgezeigte Differenz zwischen islamischer Geschichtsschreibung und nichtislamischen Quellen sowie archäologischer Faktenlage zu registrieren. Dadurch wird die Feststellung weiter erhärtet, dass wir es bei der islamischen Geschichtsschreibung mit Heilsgeschichte zu tun haben, die wenig oder gar keinen historischen Kern enthält.

Man wird kaum mehr bestreiten können, dass der Islam eine längere Entstehungsgeschichte hatte und dass das Christentum dabei eine Rolle gespielt haben muss. Wieweit umgekehrt die tatsächlichen Ereignisse noch rekonstruiert werden können, ist eine andere Frage. Obwohl ich in vielen Einzelheiten die Schlussfolgerungen von Ohlig und Popp als sehr gewagt und spekulativ erachte, was aber nicht heißt, dass sie vielleicht nicht doch stimmen könnten, komme ich im Endergebnis ihnen recht nahe. Unter Berücksichtigung der islamischen Quellen zur frühislamischen Gnosis scheint es mir äußerst wahrscheinlich, dass der Islam das Produkt einer christlichen oder jüdisch-christlichen Gnosis ist.

Der Islam betrachtet sich als Fortsetzung und Vollendung des jüdisch-christlichen Heilsdramas. Bereits aus diesem Grund liegt es doch nahe, bei seiner Entstehung ähnliche Mechanismen in Betracht zu ziehen, wie es bei der Entstehungsgeschichte des Alten Testaments und des Christentums beobachtet werden können. Was sind nun die wesntlichen Punkte, welche nach meiner Ansicht Anlass dazu geben, die Geschichtlichkeit Muhammads zu bezweifeln?

1. Warum ist die Existenz Muhammads zweifelhaft?

Aus den ersten beiden Jahrhunderten des Islam haben wir kaum islamische Originalquellen. Diesen Punkt muss man sich immer wieder vor Augen führen. Aber auch dort, wo eine Quelle aus dieser Zeit zu stammen scheint, ist Vorsicht geboten. Die bloße Behauptung, eine Quelle stamme aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung, bedeutet nichts. Es ist zunächst eine bloße Behauptung. Und selbst wenn eine Quelle tatsächlich im ersten oder zweiten Jahrhundert verfasst sein sollte, so bleibt immer noch die Frage einer späteren Manipulation. Festeren Boden in der Quellenlage beginnen wir erst im dritten islamischen Jahrhundert zu betreten.

Wenn wir eine Quelle haben, wie etwa das dem al-Hasan al-Basri (gestorben 728 n.Chr.) zugeschriebene Traktat über die Willensfreiheit oder theologische Traktate, die Zaid b. Ali (gestorben 740), einem Ururenkel des Propheten zugeschrieben werden, dann ist man sich darüber im Klaren, dass es für solche Texte keine sichere Überlieferungsgeschichte gibt.. Es gibt keine Sicherheit, dass die Quellen tatsächlich von dem Autor stammen, dem sie zugeschrieben werden. Eine nachweisbare Dokumentation, die lückenlos nachprüfbar diese Quellen bis zu ihren angeblichen Autoren zurückverfolgt, gibt es nicht, kann es eben wegen der kaum vorhandenen Quellen auch nicht geben.

Dass eine, wie z.B. bei manchen Schriften des Zaid b. Ali vorhandene Überlieferungskette, immer auch spätere Fälschung sein kann, bedarf keiner weiteren Diskussion. Um die Authentizität einer frühislamischen Quelle zu prüfen, bleibt nur der Weg, sie mit den bekannten Daten mit der Geschichte des Frühislam zu vergleichen und so zu einer gewissen Wahrscheinlichkeitseinschätzung zu kommen, wer diese Texte wann verfasst haben könnte. Hier wird dann aber auch schon das Dilemma deutlich. Diese Daten, das historische Umfeld, werden von der islamischen Geschichtsschreibung vorgelegt. Man bewegt sich also immer im Rahmen dessen, was die islamische Geschichtsschreibung grundsätzlich vorgibt. Die spannende Frage ist aber, inwieweit diese Geschichtsschreibung nicht theologische Konstruktion und Fiktion ist. Misst man manche islamische Texte aus dem 1. und 2. islamischen Jahrhundert an diesem Maßstab, dann vergleicht man vielleicht nur Fälschung mit Fälschung, Fiktion mit Fiktion und hat nichts gewonnen.

Es ist ohnehin auffällig, warum aus dieser Zeit (1. und 2. Jahrhundert Hidschra) so wenig Literatur erhalten ist, wird doch von den späteren Quellen durchaus eine literarische Produktivität für diese Epoche zugestanden. Wir wissen, dass die Muslime sich offensichtlich nicht nur in Arabisch, sonder auch in Mittelpersisch, Griechisch und Latein ausdrücken konnten (siehe unten). Der islamischen Überlieferung zu Folge soll ja Mohammed selbst schon Sendschreiben in arabischer Sprache an die Herrscher seiner Zeit verschickt (so z.B. Kaiser Herakleios, oströmischer bzw. byzantinischer Kaiser) und diese zur Annahme des Islam aufgefordert haben. [1]
[1] Man stelle sich einmal diese Frechheit vor. Da fordert Mohammed doch tatsächlich den oströmischen christlichen Kaiser Herakleios auf, den Islam anzunehmen und unterlegt diese Forderung gleichzeitig mit der Drohung, Byzanz militärisch anzugreifen. Mohammeds Heer, welches aus 3.000 muslimischen Kriegern bestand, zog bis nach Maan in Syrien (Entfernung Medina nach Damaskus/Syrien etwa 1.300 km). Dort erfuhren die Muslime, dass der byzantinische Kaiser Heraklius (Herakleios) mit 100.000 Kriegern, denen sich weitere 100.000 Mann aus den Stämmen Lakhm, Djudham, Qain, Bahra und Bali angeschlossen hatten, ausgezogen war. Und so kehrten Mohammeds Krieger nach einem kleinen Scharmützel im Dorf Masharif, wo die Muslime auf die byzantinischen Krieger stießen und erkannten, dass sie gegen die Übermacht der Byzantiner nichts ausrichten konnten, unverrichteter Dinge wieder nach Medina zurück.Wo sind all die Zeugnisse einer islamischen Dawa [2] , die noch in mehreren Sprachen vorhanden sein müssten, wenn denn die Araber des ersten Jahrhunderts tatsächlich zu einer neuen Weltreligion aufrufen wollten? Sie hätten ihre neue Lehre ja nicht nur auf Arabisch, sondern auch in Griechisch, Latein und Mittelpersisch ihrer Umgebung mitteilen können. Warum ist überhaupt so wenig Literatur aus dieser Zeit erhalten? Wenn man weiß, wie gründlich die schließlich siegreiche katholische Kirche mit dem Erbe der Antike und der Gnosis aufgeräumt hat, dann kann man sich gut vorstellen, was sich vielleicht im Islam abgespielt haben mag. Seit den glücklichen Funden von Nag Hammadi [3] wissen wir, was für ein reicher Schatz an gnostischer Literatur einst existiert haben muss. Wer weiß, welche Literatur in der Ummayadenzeit existiert haben mag, die für immer verloren gegangen ist? Wo sind die Zeugnisse der frühislamischen Gnosis, die Gulät der islamischen Häresiographen, geblieben?[2] Unter der Dawa versteht man die Aufforderung der Muslime an die Nichtmuslime, dem Islam beizutreten. Weigern sich die Nichtmuslime dieser Aufforderung zu folgen, dann werden sie bekämpft.

[3] Die Nag-Hammadi-Schriften (auch als Nag-Hammadi-Bibliothek bekannt) sind eine Sammlung von frühchristlichen Texten hauptsächlich gnostischer Orientierung, die im Dezember 1945 in der Nähe des kleinen ägyptischen Ortes Nag Hammadi von ansässigen Bauern gefunden wurde. Die meisten dieser Schriften waren bis dahin gar nicht oder nur in Fragmenten bekannt. Dazu gehört insbesondere das Thomasevangelium.Ein Beispiel zur Illustration, der auch in diesem Zusammenhang vielfältigen Probleme innerhalb der islamischen Quellen: In der frühen Sira, der Prophetenbiographie, (genauer: in der frühen Imamiya (Rawafid), also den Vorläufern der Itna Asariya) spielt nach den Quellen ein Personenkreis eine große Rolle, der in der Itna Asariya auch heute noch zu den großen frühen Theologen der imamitischen Sira gerechnet wird und zu dem Namen wie z.B. Hisam b. al-Hakam (2. Jahrhundert Hidschra) oder Hisam b. Salim al-Gawaliqi (2. Jh. H.) gehören. Diese Personen sollen zum engsten Schülerkreis der damaligen Imane gehört haben und schriftstellerisch produktiv gewesen sein.

Noch Ibn an-Nadim (gestorben 995) kennt Titel ihrer Werke und es ist davon auszugehen, dass zumindest einige davon in seiner Zeit noch existierten. Nach allem, was die Häresiographen uns über diese Leute mitteilen, war ihr theologisches Denken aber noch weit von dem entfernt, was später einmal asaritische [4] Theologie wurde. So verwundert es uns nicht, dass keiner dieser frühen Werke erhalten blieb, obwohl diese Literatur für die Sia (Schiiten?) einen geradezu unschätzbaren Wert gehabt haben muss.
[4] Der Islam hat eine Vielzahl theologischer, rechtswissenschaftlicher, philosophischer und mystischer Strömungen hervorgebracht, die zum Teil nicht mehr existieren. Die bekannteste Unterteilung des Islam ist die nach den Rechtsschulen: Gafariten, Malikiten, Safiten, Hanblaiten, Hanafiten. In der Theologie sind die Mutalaziten und Asariten die bekanntesten Gruppierungen. Die Unterteilung in Sunniten und Schiiten geht zurück auf Meinungsunterschiede hinsichtlich der Nachfolge des Propheten.Die einzige Erklärung für ihr Verschwinden liegt darin, dass sie theologisch längst nicht mehr brauchbar war. Ibn an-Nadim berichtet, dass Hisam b. al-Hakam ein „Kitab ar-radd ala Hisam al-Gawaliqi“ und ein „Kitab ar-radd ala-Saitan at-taq“ verfasst haben soll. Solche Literatur kann der späteren Itna Asariya schon deswegen nicht Recht gewesen sein, weil alle drei ja angeblich Schüler der unfehlbaren Imame waren und nach imamitischer Logik hätten sie die Imame konsultieren müssen, bevor sie theologische Ausagen veröffentlichen, zumindest in wesentlichen Fragen der usul ad-din (der Grundfragen des Glaubens). Es hätte somit kein Grund bestehen dürfen, Widerlegungsschriften zu verfassen….

Es bleibt festzuhalten, dass die islamischen Quellen eine durchaus nennnenswerte Literatur für die ersten beiden Jahrhunderte des Islams behaupten. Die Muslime waren Herrscher, keine verfolgte Minderheit. Es hätte ihnen nicht schwer fallen dürfen, diese Literatur zu bewahren. Tatsache ist, dass diese Literatur heute nicht mehr existiert. Daraus lassen sich nur zwei mögliche Schlußfolgerungen ziehen: Entweder hat diese Literatur nie existiert und ist nur eine Fiktion späterer islamischer Geschichtsschreibung oder aber die späteren Muslime hatten kein Interesse an ihrer Bewahrung. Ein mangelndes Interesse an der Bewahrung aber wäre, gerade angesichts der späteren Sammlung von Überlieferung, nur erklärbar, wenn das frühe Material für spätere Theologen uninteressant gewesen wäre. Uninteressant kann es aber nur gewesen sein, wenn sich in dieser Literatur Angaben gefunden haben, die mit späteren Vorstellungen unvereinbar geworden waren und deshalb auch nicht bewahrt werden sollten.

Van Ess weist deshalb ebenfalls zu Recht auf folgenden Punkt hin (Bezugnehmend auf die islamische Literatur zur Zuverlässigkeit von Überlieferern): „Die dauernde Überlieferung des gleichen Materials, verführt leicht dazu, an dichte Bezeugung zu glauben. Man sollte nicht vergessen, dass diese im Laufe der Zeit immer „objektiver“ wirkenden Informationen meist nur eine ganz schmale Basis haben.“…

Damit komme ich zum Argument der „Verschwörungstheorie“. Kritiker meinen, um das islamische Überlieferungsmaterial zu konstruieren, wäre letztlich eine Verschwörung nötig gewesen. Wir reden hier aber über eine Zeit ohne Massenmedien, Internet, allgemeine Schulpflicht und modernes wissenschaftliches Weltbild. Die Quellen, die die einzelnen Informationen belegen, sind in Wirklichkeit gering an Zahl. Der Zeitraum der berühmten dunklen frühen zwei Jahrhunderte des Islam wäre durchaus ausreichend, um eine neue Glaubenslehre mit erfundener Gründerfigur langsam zu verbreiten. Anderslautendes Material ist im Laufe der Zeit verschwunden. Es wurde vergessen, vernichtet oder im Sinne des neuen Standes der Theologie umgearbeitet. Dieser Prozeß kommt völlig ohne Verschwörung aus. Es reicht aus, wenn sich bestimmte theologische Gedanken langsam durchsetzen und ältere Elemente verdrängen, wie wir es bei dem Beispiel der frühen siitischen (schiitischen?) und mutazilistischen Literatur gesehen haben. Wenn dann auch noch Protektion durch eine politische Herrschaft hinzukommt, geht der Verdrängungsprozess noch leichter.

Was etwa die Aliden angeht, die Familie des Propheten (Ahl al-Bait, Al Muhammad), so kann man sich leicht einen „Entstehungsprozess“ dieser Familie auch ohne historischen Muhammad vorstellen. In einem Streit, der im Jemen des 6. Jahrhunderts (Hidschra) aufkam, wies ein zaidistischer Theologe mit Namen Naswan b. Said al-Himyari darauf hin, dass der Begriff der Al Muhammad, der Familie Muhammads, welcher von den Zaiditen des Jemen immer im Sinne einer leiblichen Abstammung von Muhammad und Ali verstanden wurde, welche Voraussetzung zur Eignung zum Imamat war, auch ganz einfach nur die Anhängerschaft Muhammads bedeuten kann. Al-Himyari leugnet nicht, dass es eine leibliche Nachkommenschaft des Propheten gab, verwies auch theologisch auf die Relevanz (Bedeutsamkeit, Wichtigkeit) der geistigen Nachfolge, welche ebenfalls die Zugehörigkeit zur Familie des Propheten begründe.

Es kann gut möglich sein, dass es in den beiden ersten beiden „dunklen“ Jahrhunderten des Islam eine Gruppe der Al Muhammad gegeben hat, die ursrünglich einfach nur Anhängerschaft eines nicht historischen, sondern mythischen Muhammad war und die dann im Zuge der weiteren Herausbildung des Muhammadmythos in eine leibliche Verwandtschaft umgedeutet wurde, deren echte Genealogien (Abstammungen) man nur ab einem bestimmten Punkt in wenigen Schritten mit dem angenommenen Religionsstifter verbinden brauchte. So konnten ganz einfach weit verzweigte Genealogien der Hasaniden und Husainiden entstehen, die bis zu einem gewissen Punkt sicherlich korrekt sind, aber ab einem bestimmten Zeitpunkt (vielleicht z.B. ab Ali Zainal’abidin oder Muhammad al-Baqir, vielleicht aber auch erst viel später) an eine erdachte Genealogie angeschlossen wurden.

Interessant ist dabei übrigens auch, dass man sich nur bei den fatimidischen Aliden die Mühe genauer Stammbäume gemacht hat, bei den übrigen Aliden oder gar Talibiden hat man sich nicht wirklich für eine Rekonstruktion der Stammbäume interessiert. Das ist logisch und folgerichtig, weil diese für die Theologie der Sia (und erst recht der Sunniten) weitgehend irrelevant waren und sich theologisch die Begrenzung der „heiligen Familie“ auf die Nachfahren Alis und Fatimas durchsetzte.

Eine weitere notwendige Bemerkung zur islamischen Überlieferung besteht darin, dass auch die Muslime immer wieder betont haben, aus welch riesigen Ozean von angeblicher Prophetenüberieferung die großen Überlieferer ihr Material zusammengestellt haben. Es ist die islamische Überlieferung selbst, die die ungeheure Masse von Fälschungen betont. Aber selbst das Material, dass die Überlieferer dann tatsächlich nach Prüfung ihrer Sammlung aufnahmen, ist immer noch häufig widersprüchlich und nicht nur von westlicher Forschung, sondern innerislamisch heftig kritisiert worden.

Seien es in der Vergangenheit die Al ar-ra’y oder die Mu’taziliten und in der Neuzeit Kritiker wie Zayyed Ahmad Khan oder Mahmud Abbu Rayya, es gab auch innerhalb des Islam stets Personen und Gruppierungen die erkannt hatten, dass die Haditüberlieferung völlig unzuverlässig ist und die Methodik der Ahl al-hadit mittels der Tradentenkette die Spreu vom Weizen zu trennen, nicht funktionieren kann. Als sicherer Anker gilt ihnen der Koran. Da nur besteht das Problem darin, dass beim Wegfall der Zuverlässigkeit der islamischen Überlieferung jeglicher Anhaltspunkt für die Überlieferungsgeschichte des Koran ebenfalls wegfällt.

Dass der Koran allein auf Muhammad zurückgeht, versichert uns einzig und allein die islamische Überlieferung. Sollte Muhammad gar nicht existiert haben, kann der Koran selbstverständlich nicht von ihm stammen. Es ist denkbar, dass der Koran sehr früh entstanden ist und die Prophetenbiographie dann vielleicht wie ein Midrasch (wie eine Schriftauslegung) um den Text herumkomponiert wurde. Vielleicht aber sind auch Teile des Koran parallel zur Entwicklung einer Prophetenbiographie entstanden. Sure 33, Vers 40, wo Muhammad als hatam an-nabiyin (Siegel des Propheten) bezeichnet wird, scheint angesichts der deutlichen Evidenz (Klarheit), dass die ersten „Muslime“ noch kein Sendungsbewusstsein für eine neue Religion hatten (siehe unten) schwer auf einen eventuellen historischen Muhammad zurückzugehen, sondern sieht doch ganz nach einem theologischen Bekenntnis aus einer späteren Entwicklungsphase aus. Hier gibt es viele offene Fragen.

Wenn man weiß, mit welcher ungeheurer Energie und religiöser Phantasie der Prophet zur Projektionsfläche aller möglichen theologischen und juristischen Ansichten gemacht wurde, was aber soll einen dann noch sicher machen, dass nicht auch die Projektionsfläche selbst einst nur das Produkt religiöser Phantasie war. Jede Strömung hat in Theologie wie Recht dem Propheten und sonstigen Autoritäten alles das zugeschrieben, was sie selbst geglaubt hat. In bestimmten Texten, wie etwa dem Kitab al-Hugga in den usul al-kafi, ist dies auf den ersten Blick zu erkennen. Aber auch sonst wird jeder historisch-kritisch arbeitende Forscher in der islamischen Überlieferung schnell eine Projektion theologischer und juristischer Ansichten auf frühe Autoritäten erkennen.

Es sind außerdem dieselben Überlieferungskreise, die uns ganz offenkundig Unsinn überliefern, die uns auch das Material liefern, aus denen viele muslimische wie nichtmuslimische Wissenschaftler noch heute eine Biographie des Propheten meinen erarbeiten zu können. Wer sagt uns, dass die Higra nicht ebenso erfunden ist, wie die Legende von der Mondspaltung? Können wir etwas als historisch annehmen, nur weil kein Wunder in der Geschichte vorkommt. Der Islam steht in der Tradition des Alten und des Neuen Testaments und schon deshalb müssen wir ernsthaft in Erwägung ziehen, dass bei der Abfassung der islamischen Texte ähnliche Mechanismen der religiösen Mythenkonstruktion am Werk gewesen sind.

Die Entwicklung einer Religion ohne Gründungsfigur ist kein Problem. Nach meiner Auffassung hat sich auch das Christentum ohne historischen Jesus entwickelt. Natürlich weiß ich, dass ich dieses Argument hier nicht anbringen kann, da man mir entgegenhalten wird, die Ungeschichtlichkeit Jesu sei eine völlige Mindermeinung. Dass es eine Mindermeinung ist, ist mir bekannt. Deswegen muss sie aber nicht falsch sein. Nach meiner Auffassung sind die Argumente ihrer Vertreter überzeugend. Ich will an dieser Stelle, wo kein Raum dazu ist, die Geschichte des Frühchristentums nicht weiter berühren, wenngleich ich hier interessante Parallelen zum Frühislam sehe.

Ich bin wie der Theologe Raschke der Auffassung, dass das Christentum ursprünglich Gnosis ist. Jesus ist eine mythische Erlösergestalt, von den Gnostikern erfunden, um ihre Theologie mytisch-bildlich darzustellen und propagieren zu können. Auch beim Islam ist es meines Erachtens denkbar, dass die Figur Mohammeds als gnostische Umgestaltung der Jesusfigur aus einer arabisch-christlichen oder jüdisch-christlichen Gnosis entstanden sein könnte.(siehe dazu weiter unten die Ausführungen zu den Gulat)

Es gibt jedoch neben dem Christentum eine andere große Religion, die ohne historischen Stifter eine schnelle und weit reichende Verbreitung gefunden hat. Ich meine den römischen Mithraskult, dessen verblüffende Ähnlichkeit mit dem Christentum schon den Kirchenvätern bewusst war. Es gibt wohl niemanden, der die Existenz eines historischen Mithras behauptet. Trotzdem hat diese Religion innerhalb relativ kurzer Zeit eine enorme Verbreitung innerhalb des Römischen Reiches erlangt und war einer der großen Konkurrenten des Christentums. Für die Verbreitung einer Religion ist die religiöse Idee entscheidend, nicht ob eine Gründungsfigur dahinter steht.

Während nun die islamische Überlieferung schon zahlreiche Probleme in sich birgt, wird die bereits aus ihr resultierende Annahme, dass diese Geschichtsschreibung eine völlige theologische Konstruktion darstellt und nicht nur eine mit Legenden und Mythos angereicherte Wiedergabe eines historischen Kerns durch archäologische und außerislamische Zeugnisse weiter verstärkt. Daraus folgt nicht unbedingt die Nichtexistenz Muhammads. Die Existenz einer Person Muhammad bleibt trotzdem grundsätzlich denkbar, allerdings nur noch in einer Form, in der sie mit dem Muhammad der Überlieferung eigentlich nichts mehr zu tun hat. Patricia Crone und Martin Hinds haben in ihrem Buch „Gods Caliph“ folgende Feststellung getroffen:

„It is a striking fact that such dokumentary evidence as survives from the Sufyanid period makes no mention of the messenger of God it all. The papyri do not refer to him. The Arabic inscriptions of the Arab-Sasanian coins only invoke Allah, not his rasul; and the Arab-Byzantine bronze coins on which Muhammad appears as rasul Allah, previously dated to the Sufyanid period, have now been placed in that of the Marwanids. Even the two surviving pre-Marwanid tombstones fail to mention the rasul, though both mention Allah; and the same is true of Mu’awiyas inscription at Ta’if. In the Sufyanid period, apparently, the prophet had no publicly acknowledged rule.“
Übersetzung (vom Blogbetreiber): Es ist eine auffallende Tatsache, dass es keine dokumentarischen Belege aus der Sufyanid-Periode gibt, die den Botschafter Gottes erwähnen. Die Papiere? berufen sich nicht auf ihn. Die arabischen Inschriften der arabisch-sasanidischen Münzen berufen sich nur auf Allah, nicht auf seinen Apostel (Gesandten Gottes); und die arabisch-byzantinische Bronzemünze, auf der Muhammad als Gesandter Gottes erscheint, die ehemals auf der Sufyanid-Periode datiert war, wurde jetzt auf die Zeit der Marwaniden (990-1096 n.Chr.) datiert. Auch die beiden aus der Vor-Marwanid-Zeit erhalten gebliebenen Grabsteine erwähnen nicht den Gesandten Gottes, obwohl sie beide Allah erwähnen, und das gleiche gilt für Mu’awiyas Inschrift am Ta’if. Im Zeitraum der Sufyanid hatte der Prophet keine öffentlich anerkannte Rolle.Es ist auffällig, dass die Muslime sehr lange gebraucht haben, bis sie die Formel: „Muhammad ist der Gesandte Gottes“ auf Münzen geprägt oder in Inschriften festgehalten haben. In einer auf das Jahr 64 datierten Inschrift aus Karbala (Irak) lernen wir die Formel „Herr (Raab) von Gabriel und Michael und Israfil.“ Es gibt mehrere arabische Inschriften mit Formeln wie z.B. „Gott (ilah) von Moses und Abraham“, „Herr (Raab) und Moses“ oder „Herr (Raab) von Jesus und Moses“. Die älteste Erwähnung der Formel „Muhammed rasul Allah“ findet sich auf einer Münze aus dem Jahr 66. Danach wird sie dann ständig verwendet. Es gibt ältere Münzen auf denen allein das Wort „Muhammad“ erwähnt wird. In Palästina fand man Münzen die wahrscheinlich in Amman geprägt wurden, auf denen auf einer Seite in arabischer Schrift das Wort „Muhammad“ zu lesen ist, während auf der anderen Seite ein Mann zu sehen ist, der ein Kreuz in der Hand hält.

Aus der Zeit des Abdalmalik b. Marwan existieren Münzen mit der Formel „Muhammad rasul Allah“, auf denen gleichzeitig ein Fisch, ein gängiges Symbol für Christus, abgebildet ist. Es gibt Bleibullen (Urkunden) aus der Zeit Abdalmalik b. Marwan, welche die Aufschrift „Filastin“ (Palästina) tragen. Darauf findet sich auch der Buchstabe Alpha, das Feld des Revers ist eventuell als Omega zu deuten, was dann zusammen ebenfalls ein Symbol für Christus wäre. Man würde bei einem muslimischen Herrscher Münzen mit der Aufschrift Makka (Mekka), Madina (Medina) oder vielleicht noch al-Quds (Jerusalem) erwarten. Palästina aber macht in einem damaligen Kontext keinen Sinn. Wir sind nicht in der Zeit der Kreuzzüge oder im 20. Jahrhundert, wo Palästina für die Muslime eine politische Symbolik bekommen hat. Für Abdalmalik kann Palästina nur eine theologische Bedeutung gehabt haben und die macht nur in einem christlichen oder jüdischen Kontext Sinn.

Selbstverständlich sind für die ursprüngliche Nichterwähnung des Propheten verschiedene Erklärungen möglich und sie ist auch kein Beweis für die Nichtexistenz eines historischen Muhammad, aber sie ist äußerst erstaunlich und wirft für den Fall der Existenz eines historischen Muhammad die Frage nach dessen Bedeutung der Urgemeinde auf. Innerhalb der islamischen Überlieferung findet sich hierzu insofern eine Parallele, als in der Literatur zur islamischen Rechtsmethodik als auch in der Literatur zur Methodik der Haditwissenschaft deutlich zu erkennen ist, dass für den früher Islam die Vorstellung von Muhammad als dem allein ausschlaggebenden Paradigma (Grund, Ursache) für die Gläubigen nicht die Rede sein kann.

Der Begriff der „Sunna“ (Verhaltens- und Lebensweise) war ursprünglich nicht allein für den Propheten reserviert. Er stellt sich unter anderem auch als ein Begriff für einen allgemeinen oder lokalen Konsens dar. Wenn Muhammad existiert hat, dann kann seine Bedeutung für die ersten Muslime schwerlich schon die gewesen sein, die ihm später islamische Theologie zugewiesen hat. Das aber bedeutet, dass die Religion des Islam, wenn es sie denn schon gegeben haben sollte, damals eine ganz andere gewesen sein muss, als die Religion des Islam, die wir später im 3. Jahrhundert kennen lernen.

Die Münzprägungen und Inschriften der Umayyadenzeit passen nicht zum Islam, wie man ihn aus dem 3. Jahrhundert (H) kennt und wie er angeblich in seinen wesentlichen Grundzügen schon seit Muhammad existiert haben soll. Mu’awiya (der Kalif der Umayyaden) etwa läßt eine Inschrift in griechischer Sprache anbringen, der ein Kreuz vorangestellt ist. Auch auf Münzen taucht das Kreuz auf. In einer christlichen Chronik wird gar berichtet, Mu’awiya habe in Golgota (hier wurde Jesus gekreuzigt) und Gethsemane gebetet (In Gethsemane betete Jesus in der Nacht vor seiner Kreuzigung.). Nichts deutet darauf hin, dass wir es bei Mu’awiya mit einem Muslim zu tun haben.

Man kann hier übrigens nicht mit der Argumentation vorgehen, die Sia habe ja schon immer behauptet, Mu’awiya sei eigentlich ein Heuchler und Ungläubiger gewesen. Die islamische Geschichtsschreibung, auch die von der Sia anerkannte, hat immer betont, dass Mu’awiya sich als Muslim dargestellt hat und es gut verstand, sich als solchen zu verkaufen. Die berühmte Geschichte mit den Koranseiten an den Lanzen bei Siffin stellt ihn ja gerade als einen Meister der Propaganda dar, der genau wusste, wie er sich nach außen religiös darstellen musste. Dieser Mu’awiya hat aber ganz offensichtlich auf jeglichen Hinweis zu seiner islamischen Religionszugehörigkeit auf Münzen und Inschriften verzichtet.

In Nordafrika ließ ein arabischer Statthalter gar in lateinischer Form auf Münzen drucken. Aus Musa b. Nusair wurde Mvse filius Nvsir. Während man dort auf Münzen jeglichen Hinweis auf Muhammead sogar in das Jahr 97 der arabischen Ära vermisst, werden unter islamischer Herrschaft die Münzen weiterhin mit lateinischer Aufschrift geprägt und es fanden sich sogar Münzen mit dem Abbild der Lokalgottheit Baal, geprägt unter islamischer Herrschaft. (Es sei daran erinnert, dass es im Islam neben Allah keine anderen Gottheiten geben darf.)

In all ihren öffentlichen Bekundungen versuchen die frühen Umayyaden sich völlig oder weitgehend ihren Untertanen anzupassen. Sie verwenden religiöse Symbole des Christentums und sie benutzen neben dem Arabichen auch Griechisch, Latein und Mittelpersisch. Gleichzeitig sind sie offenbar bemüht, zu unterlassen, was sie als Anhänger einer neuen Religion identifizieren könnte. Dies passt überhaupt nicht zu der im islamischen Recht so betonten Notwendigkeit der Abgrenzung des Muslims vom Nichtmuslim bis hin etwa zur Kleidung [5], wobei diese starke Betonung der Abgrenzung vielleicht gerade als psychologischer Reflex auf eine ursprünglich bekannte Verbundenheit zu deuten ist. Es passt auch nicht in die Vorstellung, die uns die islamischen Quellen vermitteln, dass diese Menschen aller Welt eine neue Weltreligion verkünden wollen.
[5] Bereits 717 n.Chr. mussten die sogenannten Dhimmis, darunter versteht man Untergebene, Schutzbefohlene, gemeint sind hiermit Juden und Christen, unter Kalif Umar II. nicht nur Tribut zahlen, sondern auch besondere Kleidung tragen, die sie als Juden und Christen kennzeichnete. Dadurch entstand auch der sogenannte Judenstern.
Die Münzen und Inschriften sind unvereinbar mit der islamischen Geschichtsschreibung. Wenn die frühen Inschriften und Münzprägungen islamischer Toleranz entstammen, dann bleibt zumindest evident (erkennbar), dass der Urislam sehr viel toleranter gewesen sein muss als der spätere Islam. Aber Toleranz für eine andere Religion ist die eine Sache, der Verzicht auf Symbolik für die eigene Religion, wie wir es in der Zeit Mu’awiyas sehen, eine andere Sache. Sollten die ersten Muslime in dieser Angelegenheit gleichgültig gewesen sein, dann stellt sich die Frage, warum ihnen dieselbe Angelegenheit später nicht mehr gleichgültig war. Völlig gleichgültig kann ihnen ihre Münzprägung aber nicht gewesen sein, denn immerhin haben sie den Herrschernamen auf Münzen geprägt. Wer im Lande das Sagen hatte, wollte man der Welt schon mitteilen.

Man kann es drehen und wenden wie man will: die frühen Inschriften und Münzen der arabischen Herrscher bieten zumindest Evidenz (den Nachweis) für deren Willen, sich nicht von ihren Untertanen abzugrenzen und diese Evidenz kongruiert (stimmt überein) auch mit dem Zeugnis der nichtislamischen Literatur aus dieser Zeit. Die Araber werden dort unter dem Aspekt der Herrschaft behandelt, nicht als Verkünder eines neuen Glaubens. Die Christen tragen weiter ihre alten dogmatischen Streitigkeiten untereinander aus, mit den Glaubensvorstellungen der Araber aber setzen sie sich kaum auseinander. Man hat nicht den Eindruck, die Araber hätten eine andere Religion oder seien daran interessiert, eine neue Religion zu verkünden. Karl-Heinz Ohlig hat gut aufgezeigt, dass dort, wo man in wenigen außerislamischen Zeugnissen einen Hinweis auf den Islam zu erblicken glaubt, dies eher dem Wunsch nach Harmonisierung mit der islamischen Geschichtsschreibung als echter Evidenz (Übereinstimmung) durch die Texte geschuldet ist, die zudem sehr unkritisch gelesen werden.

Auch die Tatsache, dass es in der Abbäsidenzeit (Abbasidenzeit = 750-1258) zu massiven Konversionen (Übertritten) zum Islam kam, impliziert, dass es zur Zeit der Umayyaden (661-750) noch gar keine islamische Religion gab, zu der man hätte konvertieren können. Die islamischen Quellen berichten davon, dass die Annahme des Islam das Eingehen eines Klientenverhältnisses mit einem arabischen Stamm beinhalte, was für den Klienten zunächst einmal eine Demütigung und Herabsetzung bedeute, da man als Klient nicht besonders angesehen war. Das Klientensystem wäre ohne Zweifel keine gute Werbemethode für eine neue Welreligion gewesen. Offensichtlich ging es dabei weniger um die Annahme eines Glaubens als um die Aufnahme in eine bestimmte Bevölkerungsgruppe oder Bevölkerungsschicht. In Transoxianien (Usbekistan) bezeichnete man die Konversion zum Islam als „zum Araber werden“.

All diese Fakten kann man sicherlich unterschiedlich interpretieren, insbesondere hinsichtlich ihrer Aussagekraft bezüglich der Existenz Muhammads. Eines scheint mir wirklich jedoch evident (ersichtlich) zu sein: die Araber haben sich nicht als Träger einer neuen Weltreligion verstanden und schon dieser Punkt lässt die islamische Geschichtsschreibung als äußerst fragwürdig erscheinen, denn sie ist Heilsgeschichte, die bereits bei Muhammad selbst und dann bei seinen Nachfolgern das Bewusstsein einer neuen Weltreligion behauptet. Die Araber seien aus Arabien in die Welt gezogen, um den Menschen zu verkünden, dass nunmehr Gott zum letzten Mal einem Propheten seine Botschaft gebracht und die menschliche Heilsgeschichte nunmehr ihren Höhepunkt erreicht habe.

Alle Menschen müssten nun diese letzte Botschaft und den letzten Propheten anerkennen. Wäre das wirklich das Selbstverständnis der Araber des 1. islamischen Jahrhunderts gewesen, dann hätten die Andersgläubigen davon etwas bemerken und dann hätte sich dies selbstverständlich auch auf Münzen oder Inschriften manifestieren müssen. Außerdem hätten andere Religionsgemeinschaften auf Bekehrungsversuche sicherlich mit einer intensiven Auseinandersetzung mit dem neuen religiösen Rivalen reagiert.

Selbst wenn die Araber sich schon als religiös verschieden von ihren Untertanen betrachtet haben sollten und selbst wenn sie schon eine neue Religion namens Islam hatten, wofür außerhalb der islamischen Überlieferung zunächst nichts spricht, dann haben sie diese nicht als neue Weltreligion begriffen und sie hatten kein Bedürfnis, sich von den Christen abzugrenzen und sie waren nicht darauf aus, Konvertiten zu gewinnen. Wenn es schon den Islam gegeben haben sollte, dann gab es einen Islam, der völlig anders gewesen sein muss, als wir ihn später im dritten Jahrhundert (H) kennen lernen.

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